Ab nach Schlüchtern! Die große Ausstellung des Landes Hessen zum fünfhundertsten Geburtstag des rauflustigen Ritters und frühen Aufklärers Ulrich von Hutten lohnt einen Umweg. Gleich hinter Fulda geht es in den "Bergwinkel". So heißt der Talkessel, den die Vorberge Spessart, Vogelsberg und Rhön bilden, und durch den das Flüßchen Kinzig fließt.

Wer sich der 15 OOO-Seelenstadt an der alten "Straße des Reiches" von Frankfurt nach Leipzig nähert, mag sich erinnern, daß hier das Lied gedichtet wurde "Kein schöner Land in dieser Zeit,/Als hier das uns’re weit und breit", das denn auch "Schlüchterner Lied" heißt. An "diese wiesenreiche, mit schönen Bergen umkränzte Gegend" erinnerte sich lebenslang Jacob Grimm, der wenige Kilometer entfernt, im Amtshaus in Steinau, geboren wurde. Sein Vater, Philipp Wilhelm Grimm, Richter und höherer Verwaltungsbeamter, nahm gern eines der Kinder vor sich auf den Sattel, wenn er in blauer Uniform mit goldenen Epauletten und rotem Samtkragen ins Amt nach Schlüchtern ritt, um den mit Zinn beschlagenen Gerichtsstab zu führen.

Auf einem der Berge vor der Stadt steht die Ruine Steckelburg, auf der Ulrich von Hutten am 21. April 1488, vormittags halb zehn, geboren wurde. "Burg Steckelberg, die von der Höhe schaut,/ Von Frankens schönen Hügeln rings umblaut" – so reimt Conrad Ferdinand Meyer in seinem 1871 erschienenen Romanzenkranz aus 71 Gedichten, "Huttens letzte Tage".

Huttens erste Tage waren weniger idyllisch. Im berühmten Brief an den Nürnberger Freund, den Patrizier und Humanisten Willibald Pirckheimer, vom 25. Oktober 1518 schildert Hutten die Wirklichkeit des Lebens auf einer Ritterburg am Beginn des 16. Jahrhunderts:

"Die Burg ... ist nicht zur Behaglichkeit, sondern zur Sicherheit erbaut, mit, Graben und Wall umgeben, im Innern eng, durch Stallungen für Klein- und Großvieh im Platz begrenzt; daneben finstere Kammern, die mit Kanonen, Pech und Schwefel und dem übrigen Gerät an Waffen und Kriegsmaschinen angefüllt sind; überall der Geruch nach dem Pulver der Kanonen; dann die Hunde und der Hundedreck – auch das ist ein angenehmer Duft! Reiter kommen und gehen, unter ihnen Räuber, Diebe und Mörder; denn meistens stehen unsere Häuser allen offen... Es ist das Blöken der Schafe, das Brüllen der Rinder und Bellen der Hunde zu hören, das laute Schreien der Arbeiter auf dem Felde, das Quietschen und Rattern der Karren und Wagen, ja bei uns zu Hause sogar das Heulen der Wölfe, weil die Wälder ganz nahe sind."

Etwas vom Schönsten, Sinnvollsten, Lehrreichsten der Ausstellung "Ulrich von Hutten – Ritter, Humanist, Publizist, 1488–1523", die hessische Forscher, Archiv- und Museumsleute in Zusammenarbeit mit dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg im ehemaligen Benediktinerkloster, heute Ulrich-von-Hutten-Gymnasium, aufgebaut haben: daß wir nicht wieder in ein noch so schönes Museum oder in die Literaturgräber eines Archivs gebeten werden. Die Ausstellung beginnt schon beim Weg durch Huttens Landschaft.

Kein Großstadtverkehr, kein Reklameflackern lenkt uns ab. Unmerklich wird der Schritt langsamer, wächst die Aufnahmebereitschaft für eine ferne Welt. Durch die engen Gassen des Städtchens streifend, in dem das reich ausgestattete, übersichtlich gegliederte. "Bergwinkel-Museum" im Lauterer Schlößchen die Heimatgeschichte erzählt, wird der Besucher eingestimmt auf Huttens Zeit und Welt. Eine kostenlose achtseitige "Hutten-Zeitung" lockt (neben dem gewaltigen, wissenschaftlichen Katalog von 468 Seiten im Großformat zum Preis von 29 Mark) den Betrachter in die fünf großen Abteilungen der Ausstellung: "Kirche – Kaiser – Reich", "Die Stände des Reiches", "Die von Hutten und ihr territoriales Umfeld", "Humanismus", "Huttens Teilnahme an politischen und religiösen Ereignissen".