Die Entgrenzung von Genuß und Sexualität ist Bedingung einer humaneren Kultur. Dabei geht es auch um die Tierwerdung des Menschen, die Versöhnung mit seiner Animalität. Wenn die Delphine gerade keinen Partner haben, dann onanieren sie an einer Koralle oder einem x-beliebigen Riff. Sie machen das ständig, denn Sexualität bildet den Hauptinhalt ihres Lebens. Die Eingrenzung des sexuellen Genusses ist eine der schlimmsten historischen Entwicklungen...

Der Unterschied zwischen Onanie und einer Fahrt in der U-Bahn ist, daß man in der U-Bahn mehr Leute kennenlernt. Das ist Nietzsches Problem – er kannte zu wenig Leute. Oder nehmen wir Kant an seiner berühmten Wichs-Eiche mit dem ewigen Sternenhimmel über ihm. Das Geheimnis der gesamten Philosophiegeschichte besteht eigentlich nur in der Unfähigkeit der Denker, mit dem Genuß umzugehen, zum Genuß zu kommen. Aus dieser Frustration entsteht Philosophie. Denn das eigentlich Reale ist der Genuß. Die Verweigerung oder Selbstverweigerung des Genusses bringt die Ungeheuer hervor. Die ganze Raketentechnik ist doch ein Ergebnis von Frustration – sie zeigt den Wunsch nach Ejakulation, und die Bombe ist die totale Ejakulation.

Schriftsteller Heiner Müller in einem Gespräch mit der Zeitschrift "TransAtlantik"

In diesen heißen Sommertagen schätzen wir das kühlende Fächeln beim Umblättern großer Zeitungsseiten ganz besonders, und nie lesen wir sie lieber, zum Beispiel die guten (fächelmäßig allerdings etwas zu kleinformatigen) Blätter aus der Schweiz, die gelahrte NZZ, die frische Basler, die sanfte, kluge Weltwoche. Doch was sehen wir in letzter, just noch auf "der letzten Seite"? Die Hitze steigt uns ins Gesicht, ins Herz, kaum erblicken wir in der Rubrik für "Lebensläufe" dieses Bildnis so bezaubernd schön: "Brigitte Sauerwein, Fachredaktorin". Schon wollen wir mehr über dieses betörende Geschöpf wissen, schon betasten wir mit unseren Augen den Text, der dieses liebliche Antlitz umspielt – und prallen erschrocken zurück: Frau Sauerwein, dies verrät uns die Autorin Isabelle Somary gleich in der ersten Zeile, ist "Redaktorin bei der Internationalen Wehr-Revue, worinselbst sie "die neuesten militärischen Errungenschaften, wie Rheinmetallkanonen, Haubitzen, Panzer beschreibt". Doch kaum ist dieser Schock ertragen, zieht es uns schon tiefer hinein: "Brigitte Sauerwein, 45, sieht mit ihren hellen Augen, dem dunklen Haar, den rotgeschminkten Lippen und langen, schlanken Beinen, auffallend attraktiv aus. Sie ist eine Erscheinung, die bei den Pressekonferenzen der Rüstungsbetriebe die Blicke sämtlicher Männer auf sich zieht und dies auch weiß." Schon steigt der Puls, schon rast das Herz. "Als verantwortliche Redaktorin ... befindet sich Brigitte Sauerwein oft auf Dienstreisen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zu den Rüstungsindustrien dieser Länder habe sie dabei ‚ein sachliches, höfliches und zuvorkommendes Verhältnis‘, zur Schweizer Waffenindustrie sogar ‚ein beinahe freundschaftliches‘. Beim Gedanken daran lächelt sie warm." Ah, dieses warme Lächeln vor Rheinmetallkanonen, Haubitzen, Panzern, dieses warme Lächeln vor Flugabwehrraketen, Splitterbomben, Giftgaskartätschen! Frau... ah, Frau Sauerwein – doch was kommt da: "1968 lernte sie ihren künftigen Mann kennen: Reinhold, mit Nachnamen Sauerwein (,nicht jüdisch‘, wie sie ungefragt meint), ein Österreicher wie sie." Verheiratet! Welch herber Schlag. Doch halb im Fieber liest man weiter, was Isabelle Somary noch von Frau Sauerwein erfahren, in der Wohnung von Familie Sauerwein erspäht hat: "In der Wohnung der Familie Sauerwein steht zwischen dem monumentalen Marmortisch, den prächtigen Perserteppichen und dem dunklen Velourssofa ein kleines Glastischchen, auf dem ein Buch über Adolf Hitler, ,Monologe im Führerhauptquartier’, liegt. ‚Mein Mann liest es‘, meint sie, während sie eine ihrer beiden gertenschlanken Siamkatzen streichelt." Oh: diese Siamkatzen, wie gerne wäre man an ihrer Stelle, doch gertenschlank, ja, gertenschlank... "Nicht daß er ein Hitlerfan wäre... Nein, als ehemaliger Pilot im Dritten Reich interessiert er sich lediglich für das Phänomen des Führers. Jede Zeit hat doch ihre politischen Phänomene: Hitler war eines aus jener Zeit – Gorbatschow ist eines von heute.‘" Kühle, liebe Weltwoche, fächel mir Kühle!