Von Jürgen Krönig

London, im Juli

Selbst im fernen Afrika vermochte Neil Kinnock nicht, das Image des Verlierers loszuwerden. Seine Gastgeber in den schwarzafrikanischen Frontstaaten ließen sich den Blick für die Realitäten nicht vom moralischen Rigorismus des Apartheidgegners Kinnock trüben, der es "aus Gründen persönlicher Überzeugung" abgelehnt hatte, einen Abstecher auch nach Südafrika zu machen. "Die Chancen Labours, in absehbarer Zeit wieder Großbritannien zu regieren, sind ähnlich winzig wie die, das Apartheidsystem mit friedlichen Mitteln zu überwinden", schrieb der Zimbabwe Herald.

In Simbabwe aber ereilte den britischen Oppositionsführer jenes Mißgeschick, das die an seiner Reise bis dahin herzlich desinteressierten britischen Medien zu einer ausführlichen, teilweise genüßlichen Berichterstattung animierte: Mit vorgehaltenem Gewehr hatten Armeesoldaten Kinnock und seine Begleitung festgesetzt, das offizielle Empfangskomitee der Regierung von Simbabwe hatte an einem anderen Flughafen auf ihn gewartet. Kinnock habe "vor Wut geschäumt", hieß es in den Berichten über diesen bizarren Zwischenfall. Presse und Konservative ließen sich die Chance nicht entgehen, den Vorfall auszuschlachten. Im Unterhaus belehrte Staatsministerin Linda Chalker den Oppositionsführer mit wohlgesetzten Worten: Im Ausland gelte es vor allem einen kühlen Kopf zu bewahren. Unausgesprochen blieb, was die meisten Briten wohl dachten: Der "Eisernen Lady" wäre so etwas jedenfalls nicht passiert.

Fast zur gleichen Zeit verlor Labour im Londoner Kensington eine Nachwahl zum Unterhaus, die die Oppositionspartei zu diesem Zeitpunkt unbedingt hätte gewinnen müssen, peitschen die Tories doch gerade ohne Rücksicht auf Verluste und Popularitätskurven ein höchst umstrittenes Programm durchs Parlament. Natürlich tauchte sofort die Frage auf, ob denn der Parteiführer nicht besser daran getan hätte, in England zu bleiben und um den Sieg zu kämpfen, statt auf eine Afrikatour zu gehen. Aber vermag Kinnock überhaupt eine Wahl noch aus dem Feuer zu reißen? Die Mehrheit seiner Partei scheint längst nicht mehr an einen Sieg unter seiner Führung zu glauben.

Gerade die afrikanische Episode legte eine Schwäche Kinnocks bloß: Er ist mit seinen 46 Jahren immer noch zu sehr ein "zorniger junger Mann" geblieben. Er empört sich zu gerne, er ist mal – eher widerstrebend – "Realo", dann wieder "Fundi"; es fehlt ihm an Stetigkeit und Berechenbarkeit, die es einer von Zweifeln geplagten, innerlich zerrissenen Partei erleichtern würden, endlich ihren Weg zu finden. Diese Schwäche hat jedenfalls entscheidend dazu beigetragen, daß Kinnock im fünften Jahr als Labour-Führer auf dem vorläufigen Tiefpunkt seiner politischen Karriere angelangt ist. Kaum jemand in seiner Partei, geschweige denn außerhalb, läßt heute noch ein gutes Haar an dem Waliser, in dem viele nach der verheerenden Wahlniederlage von 1983 und selbst noch nach dem bedrückenden Scheitern bei den Wahlen im vergangenen Jahr den Garanten für eine bessere Zukunft von Labour sahen.

Vor allem seine widersprüchlichen Äußerungen über die Verteidigungskonzeption versetzten Labour in Aufruhr: Zuerst schien es, als ob Kinnock endlich daran gehen wolle, jenen programmatischen Ballast abzuwerfen, der eine Labour-Regierung zu einseitiger atomarer Abrüstung verpflichtet. Dieser Punkt hatte die Wähler mehr als alles andere seiner Partei entfremdet. Die Trident-Raketen sollen zwar weg, aber nicht ohne sowjetische Gegenleistung. Something for something statt "Etwas für nichts", lautete die Formel, mit der Kinnock an einem ruhigen Sonntagmorgen in einem Fernsehinterview die Öffentlichkeit und vor allem seine Partei überraschte. Er glaubte damit wohl, den Stein der Weisen, die rettende Kompromißformel gefunden zu haben, mit der er dem rechten Flügel, vor allem aber den Wählern einen neuen verteidigungspolitischen Realismus seiner Partei suggerieren, die Anhänger eines bedingungslosen Atomwaffenverzichts aber wenigstens zum zähneknirschenden Stillhalten bewegen könnte.