Zum Auftakt eine Cocktailparty

Zwei Wochen nach seinem "unwiderruflichen" Rücktritt als Chef der kambodschanischen Widerstandskoalition gegen die vietnamesische Besatzung hat Norodom Sihanouk sein "endgültiges Exil" in Frankreich schon wieder verlassen. Der Prinz reiste auf Einladung des indonesischen Präsidenten Suharto nach Jakarta – wohin er gerade seinen Sohn Norodom Ranariddh entsandt hatte, damit dieser den Vater bei den Kambodscha-Friedensgesprächen im nahen Bogor vertrete. Gesichtswahrung auf kambodschanisch: An der "Cocktailparty", zu der Indonesiens Außenminister Ali Alatas gebeten hatte, mochte Sihanouk nach seinem Rücktritt nicht teilnehmen. Aber er war schon ganz gern in der Nähe, als über das politische Schicksal seines Landes und damit auch über seine persönliche Zukunft gesprochen wurde.

Im Sommerpalast von Bogor saßen am Montag dieser Woche erstmals die am Kambodscha-Konflikt beteiligten Parteien gemeinsam an einem Tisch. In einer ersten Gesprächsrunde traf der Ministerpräsident der von Vietnam nach dem Einmarsch 1978 installierten Regierung in Phnom Penh, Hun Sen, mit den Vertretern der Widerstandskoalition aus "Sihanoukisten", Roten Khmer und der Nationalen Befreiungsfront des Khmer-Volkes (KPNLF) zusammen. Später stießen dann die Außenminister von Vietnam und Laos hinzu sowie die Außenamtschefs von Indonesien, Malaysia, Singapur und Brunei als Repräsentanten der Südostasiatischen Staatengemeinschaft Asean.

Hun Sen legte zu Beginn der Konferenz einen Sieben-Punkte-Plan vor, der die Bildung eines "nationalen Versöhnungsrats" unter Prinz Sihanouk vorsieht. Der Versöhnungsrat solle allgemeine Wahlen organisieren; die gegenwärtige Regierung müsse jedoch im Amt bleiben, bis eine neue Verfassung verabschiedet und eine Koalitionsregierung gebildet sei. Dagegen verlangt die Widerstandskoalition die Bildung einer Übergangsregierung noch vor den Wahlen.

Trotz dieser Gegensätze verbindet sich mit dem Treffen in Bogor die Hoffnung, daß ein weiterer Regionalkonflikt entschärft werden kann. Nach dem Beginn des sowjetischen Truppenabzugs aus Afghanistan, dem Einlenken Irans im Golfkrieg und den Gesprächen zwischen Südafrika, Kuba und Angola über ein Ende der Kämpfe in dem südwestafrikanischen Land zeichnet sich nun auch in Indochina die Möglichkeit einer politischen Lösung ab.

Der wichtigste Anstoß für die Suche nach einem Kompromiß kam aus Moskau. Michail Gorbatschow ist bestrebt, sich der Erblast einer expansiven Außenpolitik gegenüber der Dritten Welt unter Breschnjew zu entledigen. Kambodscha war denn auch Thema beim Moskauer Gipfeltreffen Ende Mai. Wenige Tage zuvor hatte die Regierung in Hanoi bekanntgegeben, sie werde bis Ende des Jahres 50 000 Soldaten aus dem Nachbarland abziehen. Inzwischen hat sie ihr militärisches Oberkommando in Phnom Penh aufgelöst. Nach einem Treffen mit Gorbatschow in Moskau kündigte Vietnams Parteichef Nguyen Van Linh in der vergangenen Woche an, der Truppenabzug könne schon Ende 1989 abgeschlossen sein, ein Jahr früher als bisher geplant.

Der Kreml, der seinen Verbündeten in Indochina mit Wirtschafts- und Militärhilfe von jährlich rund zwei Milliarden Dollar unterstützt, drängt Hanoi zu Fortschritten. Gorbatschow möchte die seit einem Vierteljahrhundert geschlossene Tür zur Volksrepublik China aufstoßen. Für Peking aber ist die vietnamesische Intervention in Kambodscha seit langem das entscheidende Hindernis bei einer Normalisierung des Verhältnisses zu Moskau. Ende August wollen die beiden kommunistischen Großmächte nun zum ersten Mal miteinander über Kambodscha sprechen. Eine Verhandlungslösung des fast zehn Jahre alten Konflikts, bedeuteten die Chinesen dem amerikanischen Außenminister Shultz kürzlich in Peking, schaffe die Voraussetzung für das von Gorbatschow angestrebte sino-sowjetische Gipfeltreffen.

China, berichtete George Shultz, wolle seinerseits zu einem politischen Kompromiß beitragen. Die von Peking bisher großzügig mit Waffen unterstützten Roten Khmer sollen nach einem Abzug der Vietnamesen nicht erneut die Macht in Phnom Penh übernehmen dürfen. Auch die Chinesen haben eingesehen: Nichts fürchten die Kambodschaner so sehr wie eine Rückkehr des mörderischen Pol-Pot-Regimes, unter dessen Herrschaft zwischen 1975 and 1978 über eine Million Menschen starben.

Zum Auftakt eine Cocktailparty

Prinz Sihanouk mag an ein Einlenken der Chinesen nicht recht glauben. Jene Länder, die die Roten Khmer unterstützten, antwortete er auf Fragen der Washington Post, trügen die "volle Verantwortung für einen neuen Holocaust am kambodschanischen Volk". Nachdem er begriffen habe, welche Folgen ein vietnamesischer Abzug aus Kambodscha haben müsse, habe er mit den Roten Khmer "endgültig gebrochen". Den Vereinten Nationen, die bisher die Widerstandskoalition unter seiner nominellen Führung als rechtmäßige Regierung Kambodschas anerkannten, empfahl Sihanouk, den Sitz seines Landes in diesem Jahr vakant zu lassen. Seine Guerillaarmee werde das Bündnis mit der verhaßten Khmer Rouge allerdings nicht verlassen, weil dies die einzige Chance sei, die Kambodschaner in den thailändischen Flüchtlingslagern zu schützen.

Dort rekrutieren die Roten Khmer in der letzten Zeit verstärkt neue Partisanen. In den grenznahen Gebieten haben sie beträchtliche Waffenlager angelegt, Kämpfen mit den Vietnamesen sind sie allerdings ausgewichen. Nicht nur Sihanouk befürchtet, daß sich Pol Pots 35 000 Mann starke Guerillatruppe systematisch auf den Tag vorbereitet, da die Vietnamesen das Land verlassen haben werden. Ein internes Dokument der Roten Khmer vom Dezember 1986, das in Washington zirkuliert, läßt ein Bedauern über frühere Verbrechen nicht erkennen und verspricht für die Zukunft nichts Gutes. Zwar, so heißt es in dem Papier, habe man die Unterdrückung "etwas übertrieben", aber letztlich sei die eigene Herrschaft doch die "beste" Periode in der 2000jährigen Geschichte Kambodschas gewesen. Kein Wunder also, daß Prinz Sihanouk dem Bündnis mit den Roten Khmer nicht länger seinen Namen leihen will, um diesen "Glaubwürdigkeit und Legitimität" zu verschaffen.

Der Prinz weiß, daß es ohne ihn keine Lösung in Kambodscha geben kann. Sihanouk wartet seit 18 Jahren auf die Rückkehr nach Phnom Penh. Jetzt arbeitet die Zeit für ihn. Von Paris aus kann er das Ringen um einen Kompromiß gelassen verfolgen. Dort hat ihm die französische Regierung gerade offiziell die ehemalige Residenz des kambodschanischen Botschafters als kommodes Quartier überlassen. Matthias Naß