Von Lutz Häfner

Der Besiegte ist immer der Schuldige, der Sieger hat immer recht! Verlieren wir diesen Kampf, und das ist sehr wahrscheinlich, so wird man mich und alle meine Mitstreiter zu Verrätern, Söldlingen des Faschismus und zu Henkern am eigenen Volk erklären." Mit diesen Worten nahm Anfang 1945 der hochdekorierte ehemalige sowjetische General Andrej A. Wlassow, der in deutschen Diensten stehend an der Spitze der "Russischen Befreiungsarmee" (Russkaja Oswoboditelnaja Armija, ROA) gegen Stalin und den Bolschewismus kämpfte, sein Schicksal, das ihn kaum eineinhalb Jahre später in Moskau ereilen sollte, vorweg.

Wer war dieser General "zwischen Stalin und Hitler"? Andrej A. Wlassow wurde am 1.9.1901 in einem kleinen Dorf im Gouvernement Nischni-Nowgorod als jüngstes von dreizehn Kindern einer Bauernfamilie geboren. Gegen die Wünsche seines Vaters verließ er 1919 das Priesterseminar, trat der Roten Armee bei und zeichnete sich im russischen Bürgerkrieg aus. Dies war der Beginn einer steilen militärischen Karriere. Den "Säuberungen" der Roten Armee entging er durch einen glücklichen Umstand: Seit Herbst 1938 war er als Stabschef der sowjetischen Militärmission unter Tschiang Kai-schek in China tätig und damit dem Blickfeld der Häscher Stalins entzogen. Ende 1939 übernahm Wlassow in der Ukraine das Kommando über eine für ihre notorische Disziplinlosigkeit bekannte Division, aus der er binnen Jahresfrist die anerkannt beste der Roten Armee formte. Für seine Verdienste erhielt Wlassow, der seit 1930 Mitglied in der KP war, den Leninorden. Im Winter 1941, als die deutsche Wehrmacht sich bis auf 20 Kilometer der sowjetischen Hauptstadt genähert hatte, vertraute Stalin Wlassow die Verteidigung Moskaus an, eine Aufgabe, die Wlassow ebenso erfolgreich wie glänzend meisterte. Im Januar 1942 wurde er zum Generalleutnant befördert und zum stellvertretenden Kommandeur der von Stalin persönlich geplanten Operationen an der Wolchowfront ernannt, durch die Leningrad entsetzt werden sollte. Mitte März gelang es jedoch der deutschen Wehrmacht, die sowjetischen Truppen in einer Gegenoffensive von ihrem Nachschub abzuschneiden, einzukesseln und nach langen Kämpfen zu zerschlagen. Am 12. Juli 1942 geriet Wlassow in deutsche Gefangenschaft.

Zu einem entscheidenden Einschnitt im Leben dieses sowjetischen Karriereoffiziers kam es im deutschen Vernehmungslager in Winniza. Hier traf Wlassow auf den baltendeutschen Hauptmann Strik-Strikfeldt, den Chefdolmetscher des Kommandeurs der Heeresgruppe Mitte und Mitarbeiter der Abteilung "Fremde Heere Ost" des Oberkommandos des Heeres. Strikfeldt hatte bereits im November 1941 in einer Denkschrift an den Oberbefehlshaber des Heeres, v. Brauchitsch, die Bildung einer antikommunistischen "Russischen Befreiungsarmee" vorgeschlagen. Brauchitsch erkannte die ganze Tragweite dieses Memorandums und vermerkte: "Sofort vornehmen! Kann kriegsentscheidend sein!" Strikfeldts Auftrag bestand darin, einen geeigneten sowjetischen General ausfindig zu machen, der zur Zusammenarbeit mit den Deutschen bereit war, um an ihrer Seite gegen den Bolschewismus zu kämpfen – dieser General war Wlassow.

Über die Motive, aus denen Wlassow kooperierte, ist oft spekuliert worden. Seine militärische Karriere war beendet. Er hatte das Desaster der von Stalin in allen Details befohlenen Operation zu verantworten. Es konnte kein Zweifel bestehen, daß er als Sündenbock geopfert werden würde. Über die Tatsache, daß sein Stern im Sinken begriffen war, unterrichtete ihn ein Telegramm seiner Frau, das er wenige Tage vor seiner Gefangennahme erhalten hatte. Sie schrieb, daß die sowjetische Geheimpolizei eine Haussuchung bei ihr vorgenommen habe – ein untrügerisches Vorzeichen! Hinzu kam Wlassows Entsetzen über zahlreiche Phänomene der sowjetischen Innenpolitik, wie zum Beispiel die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, durch die auch seine Eltern und Schwiegereltern betroffen waren. Im Rahmen dieser Kampagne hatten sie ihr Land eingebüßt und wären beinahe – wie so viele andere auch – den Hungertod gestorben. Dieses familiäre Schicksal entfremdete Wlassow ebenso vom bolschewistischen Regime wie die umfangreichen Säuberungen unter seinen Offzierskollegen in der Roten Armee.

Wlassow war kein Einzelschicksal. Zum Zeitpunkt seiner Gefangennahme dienten in den deutschen Einheiten an der Ostfront weit über 500 000 ehemalige Angehörige der Roten Armee als Freiwillige, die sogenannten Hiwis (Abkürzung für Hilfswillige). Ferner existierten einige kleine ausschließlich russische Einheiten. Bezeichnend sind auch die zahlreichen Desertionen aus der Roten Armee sowie die gerade in den ersten Monaten des Ostfeldzuges in großem Maße anzutreffende Bereitwilligkeit sowjetischer Soldaten, sich gefangennehmen zu lassen. Beide Phänomene sprechen für einen ausgeprägten Defaitismus, der sich mit der Ablehnung der Ideologie des Bolschewismus im allgemeinen und den Repressionen des Stalinschen Systems im besonderen begründen läßt.

War Wlassow ein "Verräter" beziehungsweise "Opportunist" oder vielmehr ein Mann überaus großer politischer Weisheit und Weitsicht, der als Märtyrer für sein Land und die "Russische Befreiungsbewegung" (ROA), an deren Spitze er stand, starb? Es ist schwer, auf diese Frage eine eindeutige Antwort zu geben. Seine Handlungsweise läßt sich am ehesten mit der spezifischen politischen Situation des nachrevolutionären Rußlands erklären. Alle Versuche – von außen durch die Intervention der ehemaligen Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg und gleichsam von innen durch den Bürgerkrieg – das bolschewistische Machtmonopol mit Waffengewalt zu zerschlagen, waren gescheitert. Die Gegner des Sowjetregimes (Emigranten genauso wie sowjetische Staatsbürger) waren jedoch überzeugt, daß ein externer Impuls – wie es der Beginn des Ostfeldzuges war – die Gelegenheit zu einer grundlegenden staatlichen Neuordnung eröffnete.