Bonn wollte das Airbus-Risiko loswerden. Der Plan ist gescheitert, neue Subventionen werden fällig.

An dieses Jahr wird die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie noch lange und gern zurückdenken. Denn 1988 wird die Bundesregierung für das Verkehrsflugzeug Airbus in bis heute nicht gekanntem Maße Subventionen bewilligen. Auf Drängen anderer Koalitionspolitiker wird Bundesfinanzminister Gerhard Stoltenberg in diesen Tagen finanzielle Hilfen für den Airbus versprechen, die sich ganz schnell auf zehn Milliarden Mark summieren können.

Vor genau zwanzig Jahren begannen Franzosen, Briten und Deutsche ein gemeinsames Verkehrsflugzeug zu entwickeln – mit Hilfe von Steuergeldern der beteiligten Länder. Der Airbus sei ein Stück praktiziertes Europa in der Hochtechnologie, das einen politischen Preis habe, hieß es damals. Doch vielen Bonner Politikern war die massive Unterstützung für den Airbus und seinen deutschen Mitproduzenten MBB stets ein Dorn im Auge. Denn alle Jahre wieder mußten sie unter dem Druck der Flugzeugindustrie neue Hilfen für den trägen Vogel bereitstellen – bisher rund fünf Milliarden Mark.

So kam dem Bonner Wirtschaftsminister Martin Bangemann die Idee, den Autokonzern Daimler-Benz an MBB zu beteiligen. Damit bekäme der schwerfällige Luft- und Raumfahrtkonzern, der bislang von drei Bundesländern beherrscht wird, endlich eine straffe Führung. Bangemanns Hintergedanke: Bonn könnte dem reichen Konzern auch elegant das Finanzrisiko zuschieben.

Alle waren begeistert – sogar der Daimler-Konzern spielte mit. Nur wollten die leitenden Herren aus Stuttgart eine kleine Modifikation des Plans: Das Airbus-Risiko müsse weiterhin der Bund tragen. Dann seien sie sofort bereit, MBB zu übernehmen und ihren Beitrag zur sogenannten Neuordnung der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie zu leisten.

Und so kam es, daß der einzig sinnvolle Teil eines ordnungspolitisch insgesamt zweifelhaften Plans in sein Gegenteil verkehrt wurde: Daimler kann mit Regierungshilfe bald die wirtschaftlich und technologisch hochinteressanten Teile von MBB vereinnahmen und sich zum mächtigsten Rüstungskonzern im Staate aufschwingen, der lästige Konkurrenz nicht mehr fürchten muß. Für die unangenehmen Airbus-Verluste steht dagegen weiterhin Bonn gerade. Damit der stolze Daimler-Konzern aber nicht als Bittsteller und Empfänger von Subventionsmilliarden auftreten muß, tun ihm die Politiker auch noch den Gefallen und gliedern die Airbus-Produktion formal aus dem MBB-Konzern aus. Damit ist dem Daimler-Chef Edzard Reuter ein glänzender Coup gelungen.

Auch die Airbus-Bauer bei MBB können zufrieden sein: Der erwünschte Einstieg von Daimler bietet ihnen die Gelegenheit, der Bundesregierung weitere Zusagen abzutrotzen. Kein Finanzminister hätte sich dafür hergegeben, einem Unternehmen über Jahre hinweg sogar das unkalkulierbare Wechselkursrisiko abzunehmen, hätte nicht Daimler die Bereitschaft erklärt, bei MBB einzusteigen.

Die jetzige Bonner Regierung und ihre Nachfolger werden sich noch wundern. Zwar verspricht MBB seit Jahren, daß der Airbus irgendwann in die Gewinnzone fliegen wird, doch niemand weiß, wann. Alle Erfahrung zeigt aber, daß subventionierte Industrien wirtschaftliches Denken vernachlässigen und darauf bauen, daß es auch in Zukunft neue Hilfen aus dem Steuersäckel geben wird. Der Fall Airbus ist dafür geradezu ein Musterbeispiel. Wie riskant das Airbus-Projekt ist, beweist die Vorsicht der gewieften Daimler-Manager. Böte der Europa-Flieger in absehbarer Zeit Aussicht auf Gewinn, hätte Daimler-Benz zugegriffen. Karl-Heinz Büschemann