Von Ulrich Greiner

Angenommen, Sie sind Hamburger, also der Kälte durchaus überdrüssig, dann empfinden Sie wahrscheinlich die Juli-Hitze in New York als belebende Abwechslung, und Sie schalten das Klimagerät Ihres Hotelzimmers aus, das über den Schweißfilm auf Ihrer Haut eisige Graupelschauer niedergehen läßt. Sie sind es gewohnt, bei geöffnetem Fenster zu schlafen, aber Sie merken sofort, daß daraus nichts werden kann. Wie durch die leichtfertig freigegebene Luke einer Festung dringt das Dröhnen der vielen tausend anderen Klimageräte von allen Fenstern und von allen Dächern herein, und nicht nur das Dröhnen, sondern nahezu sichtbare Hitzewellen.

Sie schließen das Fenster, schalten das Klimagerät an und verkriechen sich unter die Bettdecke. In diesem Augenblick geht es Ihnen besser als jenen vielen Menschen in New York, die zwar eine Wohnung, aber keinen dir conditioner haben, und besser als jenen etwa drei- bis vierhunderttausend anderen, die beides nicht haben, weil sie obdachlos sind und nachts in den Parks oder im Rinnstein liegen; wenn es kühler wird in der Grand Central, dem Hauptbahnhof, oder in einer der Subway-Stationen, wo sie zu Hundertschaften nebeneinandergerollt auf den Bahnsteigen schlafen.

Eine Klimaanlage stellt, technisch gesprochen, an einem Ort Kälte her und erzeugt an einem anderen Hitze. Soziologisch betrachtet dient sie der Umverteilung klimatischer Nachteile von oben nach unten. Gäbe es keine Klimaanlagen, so wären die Temperaturen für alle gleich und in der Regel erträglich. Da es sie aber gibt, machen die Wohlhabenden um eines geringen klimatischen Vorteils willen das Klima für alle anderen unerträglich. Ein Spaziergang am Boden der Schluchten Manhattans gleicht einem Fegefeuer, angefacht durch die klimatisierten Busse und Cadillacs und jene verrußten tropfenden Kästen, die über den Eingängen der Läden hängen und dem Passanten heiße Luft auf den Kopf blasen. In New York kann man alles kaufen, sogar Fahrenheit.

Das Prinzip der Umverteilung beherrscht die Stadt seit eh und je, aber der Boom der achtziger Jahre treibt es bis zum Exzeß. Die redevelopment-Projekte sind gigantische Sanierungsmaßnahmen, exekutiert von privaten Spekulanten mit städtischer Unterstützung. Sie reißen ganze Viertel nieder, und mit der Geschwindigkeit eines Sekundenzeigers wachsen immer neue und höhere Türme aus dem gequälten Boden der Stadt. Neuerdings nennt man sie nicht mehr sky-scraper, sondern cloud-piercer (Wolkendurchbohrer), vielleicht deshalb, weil manche so aussehen wie der CitySpire der Architekten Murphy und Jahn, ein fünfundsiebzig Stockwerke hoher Wohn- und Büroturm, der lipstick (Lippenstift) genannt wird und in der Tat wie ein noppenbesetztes Kondom wirkt, das sich in die Wolken schraubt.

WEST 57TH STREET

Der CitySpire steht zwei Blocks von jenem Gebäude entfernt, in dem die New York Review of Books ihren Sitz hat. Barbara Epstein, Mitbegründerin und Herausgeberin der linksliberalen Zeitung, starrt traurig durch die schmutzigen Fenster ihres Büros im dreizehnten Stock, hinaus und hinauf zu den immer prächtigeren Türmen und sagt: "New York wird immer schlimmer." In der explodierenden Stadt explodieren die Mieten, vertreiben nun auch die untere Mittelklasse in die Randbezirke, hinüber nach New Jersey, oder machen sie obdachlos.