Von Günther Mack

Wie soll man der Öffentlichkeit den seit Jahren fulminantesten Streit unter den katholischen Theologen und Hierarchen deutscher Zunge übersetzen, da schon die Gottesgelehrten offensichtlich Schwierigkeiten haben, einander zu verstehen und sich auf eine gemeinsame Sprache zu verständigen? Kann man dergleichen überhaupt noch vermitteln – für Nicht-Theologen, für Nicht-Katholiken, gar für Nicht-Christen?

Zur Vorgeschichte: In der sehr katholischen Stadt Paderborn ergänzt Mitte der siebziger Jahre der Jungpriester Eugen Drewermann für den persönlichen Gebrauch das traditionelle Handwerkszeug des Seelsorgers um Einsichten und Praktiken der Psychoanalyse und Tiefenpsychologie. Drewermann riskiert die Grenzüberschreitung nicht aus zweckfreier Neugier, der frisch Geweihte ist vielmehr ratlos angesichts der Wirklichkeitsfremdheit und Menschenferne seiner brav erlernten Seminartheologie, mit der er vornehmlich auf Fragen vorbereitet ist, die ihm niemand mehr stellt.

So weit, so üblich, Hunderte von Pfarrern beider Großkirchen machten ähnliche Erfahrungen, behalfen sich ähnlich. Ungewöhnlich war nur die Stringenz – seine Gegner sprechen lieber von Penetranz – mit der Drewermann die Einsichten seiner tiefenpsychologischen Seelsorge in die katholische Theologie einarbeitete und darüber schriftlich Rechenschaft ablegte (siehe auch ZEIT 53/87 und 12/88). Seither wächst der Stapel seiner Bücher unaufhaltsam. Rezensenten haben keine faire Chance, der 48jährige schreibt schneller.

Vermutlich hätte Mutter Kirche auch diesen Sohn ertragen, wären dessen Einsichten in der Stille eines theologischen Archivs zur Ruhe gebettet worden. Es kam anders. Nicht nur Drewermanns tiefenpsychologische Interpretationen Grimmscher Märchen wurden Bestseller, auch seine nach Thematik, Preis und Umfang wirklich nicht auf Mengenrabatt zielenden psychotheologischen Werke lösten eine regelrechte Kaufwelle aus. Ein Drewermann-Kritiker, Albert Görres, blickt schaudernd in die Zukunft: "Ich vermute, daß dessen neuer Markus-Kommentar und seine älteren Schriften, wie zum Beispiel "Psychoanalyse und Moraltheologie", für lange Zeit die beherrschende Redequelle für moderne Kapläne, Pastoralassistenten und Religionslehrer sein wird. Drewermann kündet seine Botschaft mit einem revolutionären Fanfarenstoß an, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt." In der Juni-Ausgabe der Evangelischen Kommentare läßt der protestantische Theologe und Psychologe Walter Rebell seine Vorbehalte in dem – nach Tschernobyl besonders bemerkenswerten – Satz gipfeln: "Die Sache, um die sich dieser Theologe bemüht, ist kontaminiert mit der Ausstrahlung, die von ihm ausgeht, und diese Ausstrahlung kann nicht anders als ‚guruhaft‘ bezeichnet werden. Drewermann tritt als Jünger einer Heilsbotschaft auf."

Stilproben dieser Art machen den Lauf der Kontroverse verständlich: Als man in Rom auf die aus Paderborn herüberdringenden Töne aufmerksam wurde, als sich in zahlreichen anderen Diözesen gleichfalls Freundeskreise zur Drewermann-Lektüre zusammenfanden, als auch hierarchische Gespräche die Ruhe nicht wiederherstellten, nahm sich die Deutsche Bischofskonferenz des Falles an. Sie beauftragte acht Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen, das Werk Drewermanns kritisch zu sichten.

Seit kurzem nun liegt vor, was je ein Psychotherapeut, Kirchengeschichtler, Religionsphilosoph, Fundamentaltheologe, Dogmatiker, Moraltheologe, Religionswissenschaftler und ein Fachmann für spirituelle Theologie zu Drewermanns Position zu sagen haben. Vorweg: Daß die Furcht der Fans vor einer auftragsgemäßen Verurteilung nicht aus der Luft gegriffen war, läßt sich an manchen Stellen der jetzt im Herder Verlag erschienenen "Anfragen an Eugen Drewermann" ablesen. Man muß wohl die lange kirchliche Tradition des Glaubenskampfes gegen Abweichler verinnerlicht haben, um Worte wie der Tübinger Theologe Walter Kasper zu finden. Drewermanns Anklagen seien "ungeheuerlich", seine Attacken – selbst gegen den heiligen Franziskus (!) – "undifferenziert und maßlos", seine positiven Äußerungen über die altägyptische Religion "entlarvend", sein späteres Opus "ein gedanklich unverdautes Konglomerat heterogener Ideenkomplexe", seine "pantheistischen Anwandlungen trieben ein starkes gnostisches Gerüchlein" in die Nase.