Von Harald Justin

Prinz Eisenherz reitet wieder. Eine neue Werkausgabe der "Sage vom singenden Schwert" soll dem Ritter aus König Arthurs Zeiten wieder aufs Pferd helfen. Seit 31 Jahren streitet er für das Gute und Edle in der Welt, reitet durch sorgfältig komponierte Massenszenen, die an Hollywoods historische Superproduktionen erinnern und gibt uns Antwort auf die dringendsten Fragen der Existenz. Denn Hal Foster, sein geistiger Vater und neben Burne Hogarth und Alex Raymond Dritter im Bunde der Zeichner des klassischen Comicstrip, hat die über 2000 Folgen dauernde Serie so konzipiert, daß der Held sich im Lauf der Zeit, parallel zu seinen Lesern, verändert. Die Comics lesen sich wie ein langes Familienmelodram. In den ersten Folgen begegnet uns der menschlichste aller Superhelden noch als Dreikäsehoch. Später kommt die Liebe, die Familiengründung – und fortan wird der Kampf gegen Schurken an den ältesten Sohn delegiert.

Als heimlicher Erzieher wirkt er in Deutschland seit Ende der dreißiger Jahre. Damals hieß der Held noch "Prinz Waldemar" – und wurde bald, von den Nazis verboten. Doch 1951, als es um die moralische Wiederaufrüstung ging, war der Heldensproß als eine der ersten Comic-Figuren wieder mit von der Partie, überstand 1954 alle Anfechtungen einer indizierungswütigen Bundesprüfstelle, war als Filmheld im Kino zu bewundern, materialisierte sich für kurze Zeit in Gestalt kleiner Elastolin-Figürchen und war in Zeitschriften und Heftchen für die unreife Jugend präsent.

Prinz Eisenherz wurde zum Klassiker des Genres, und in den siebziger Jahren, zu Zeiten der Comic-Renaissance, kam es zu einem regelrechten Boom. Es erschienen: eine komplette Ausgabe, eine Teilausgabe für gehobene Ansprüche, eine kommentierte, eine in Buchform; der Prinz schrumpfte gar auf Taschenbuchformat, und selbst als Roman sind die Abenteuer nachzulesen. Kein Wunder, daß der Name des Prinzen nicht fehlen durfte, als die Zeitschrift Ästhetik & Kommunikation sich 1977 an das Thema "Lebensgeschichte" wagte und einige auskunftswillige Mitglieder der Nachkriegs- und Apo-Generation erzählten, wie es dazu kam, daß sie so aufgeklärt, links und rebellisch geworden sind. Der ritterliche Held aus Thule stand in einer Reihe mit anderen Heroen, die jugendlichen Idealen Gestalt gaben; den Rolling Stones, Che und Mao! Wer hätte das gedacht? Vor allem: Wer würde so etwas heute denken? Und wer interessiert sich heute noch, im Zeitalter der Horror-Videos und der Computer-Spiele, für ein gemächlich erzähltes Mittelalter-Epos mitsamt seiner Drachen- und Burgfräuleins? Edle Moral ist weniger denn je gefragt und der Humor, eher sophisticated denn schenkelklopfend, scheint eigentlich auch in die Hollywood-Herrlichkeit vergangener Zeiten zu gehören. Ein Klassiker halt. Und lesen werden ihn wahrscheinlich hoffnungslos altmodische Leute, die sich einen nostalgischen Blick in ihre eigene Jugend und in eine Zeit erlauben wollen, in der die Welt noch in Gut und Böse einzuteilen war.

Präsentiert wird nun allerdings eine Werkausgabe, die uns mit einer neuen Textvariante konfrontiert und die aus einem altbewährten strip ein knallbuntes Kleinstbildspektakel macht. Das ist zwar mitunter hübsch anzuschauen, aber so manches Detail zeichnerischer Akkuratesse geht im Farbrausch unter. Foster-Puristen werden sich nach den Pastelltönen des Originals oder seinen berühmten, großformatigen Schwarzweiß-Ausgaben sehnen. Leider fehlt auch ein einfühlsamer Kommentar an diesem bedeutenden Produkt der Populärkultur. So reitet Prinz Eisenherz zwar wieder, wurde aber ohne das notwendige Rüstzeug auf’s Pferd gesetzt. Und einen in Ehren ergrauten alten Herrn nackt durch die Weltgeschichte galoppieren zu lassen, nein, das zeugt nicht gerade von guter Kinderstube. Doch nichts gelernt vom Prinzen?

Harold Foster, Prinz Eisenherz, Carlsen Verlag, Reinbek bei Hamburg 1987; 48 S., 9,80 Mark