Lesen Sie das erste Kapitel vor dem Mittagessen – und schon vor dem Abendessen wird sich die erste Verbesserung Ihres Lebens eingestellt haben." So oder ähnlich steht es in den Ratgebern, die vor allem eines verraten: daß das Glück Konjunktur hat. Oder womöglich sein Gegenteil? Nicht Gesunde, sondern Kranke brauchen Ärzte und Pillen. Und natürlich werden auch Anleitungen zum Unglücklichsein sozusagen dialektisch verschlungen, in sehr subjektiver Ausdeutung jenes "pursuit of happiness", das einst die amerikanische Unabhängigkeitserklärung als Menschen- und Bürgerrecht proklamierte.

Martin und Sylvia Greiffenhagen haben in ihrem Buch über das Glück Sachkenntnis und Nachdenken anderem gewidment: den "Realitäten eines Traums", also dem Objektiven seiner Umstände. "Dies Buch will den Sinn für solche überindividuellen Bedingungen des Glücks stärken. Im Unterschied zu den vielen Trickkisten des Glücks, die heute geöffnet werden und den Eindruck erwecken, als ob der einzelne sich sein Glück schaffen könne, interessieren wir uns für die Faktoren, die der einzelne nicht in der Hand hat."

Wer Rezepte sucht, braucht daher mit dem Lesen gar nicht erst anzufangen. Doch etwas weitaus Wichtigeres, fast Altmodisches wird hier geleistet: Aufklärung. Herrschaft und Arbeit, Freiheit und Bindung, Familie und Geschlechterrollen, Jugend und Alter, das Geld, der Fortschritt und der Ausstieg sind Themen der Untersuchung. Auch dunkle Seiten werden nicht ausgespart: das Selbstopfer oder – wie im August 1914 – die Begeisterung am Krieg.

Gerade weil es auf Verhältnisse ankommt, die keiner für sich in der Hand hat, ist die Aufforderung zum politischen Handeln schwerlich zu übersehen. Sie gilt in jenem Sinne, in dem schon Kant von der Aufklärung selbst gesagt hat: "Es ist also für jeden Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten ... Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich." Zwar geht es nirgendwo um den "neuen Menschen" im glückstrunkenen Utopia, wohl aber um die skeptische Hoffnung, daß wir uns halbwegs vernünftig miteinander einrichten könnten.

Dabei gewinnt man den Eindruck, daß sich wenn schon kein Rezept, dann doch eine Art Grundregel des Vernünftigen anbietet: etwas wie Mitte und Maß, wie die Vermittlung zwischen den Polen von Freiheit und Bindung oder von Neu-Gier und Bewahren. Das ist gewiß nicht neu, das lehrt Aristoteles. Aber vielleicht haben wir es ja, unter modernen Bedingungen, mit dem Uralten, Immergleichen zu tun: mit der conditio humana, die Kant als ungesellige Geselligkeit begriff und Schopenhauer ins Bild von den frierenden Stachelschweinen faßte, welche die wärmende Nähe ebenso brauchen wie die Distanz.

Ein Einwand liegt nahe: Läßt sich das Glück mit den groben Zangen unserer Begriffe überhaupt ans Licht zerren und festhalten, nistet es nicht im Unsagbaren, im puren und jeweils ganz persönlichen Gefühl? Die Autoren hüten sich, jenen 288 Lehrmeinungen, die schon der Römer Marcus Terentius Varro für seine Zeit berechnete, eine weitere hinzuzufügen. Wo die Grenzen zur Zuversicht, Zufriedenheit, zum Wohlbefinden oder zur Lebensqualität exakt verlaufen, wer mag das wissen? Und wem, außer zünftigen Grenzjägern, würde das Wissen nützen? Vielleicht hätte man zur Abwehr von Mißverständnissen von Chancen oder Vorbedingungen des Glücks sprechen sollen. Aber daß es sich darum handelt, ist offensichtlich.

Weniger ein Einwand als eine Anmerkung könnte der Sprache gelten. Aufklärung fordert, statt des hochgestochenen Wusts von Verschachtelungen, Fremdworten und Anmerkungen, die Mühe zum Einfachen und Klaren. Hierum sind die Greiffenhagens sehr bemüht. Ein wenig gewinnt man allerdings den Eindruck, daß sie zwar von ihrem Ufer – dem der Frau Doktor, des Herrn Professors – sich abstießen, aber am anderen – beim anschaulichen Erzählen – nicht ankamen. Irgendwo in der Stromesmitte erwiesen sich Strudel und Skrupel als übermächtig; umständlich exakt werden zum Beispiel Ergebnisse der Umfrageforschung zitiert – von denen man dann doch nichts Quellengenaues erfährt.