Von Luigi Vittorio Graf Ferraris

Träge windet sich die Autobahn unter den Oleandern über die Hügel entlang der adriatischen Küste. Autos preschen durch die Hitze, um so schnell wie möglich die Stätten der Erholung – Ruhe, Sonne, Strand, Pasta und Wein – zu erreichen. Viele der schweißgeplagten Insassen hegen zudem die sichere Hoffnung, an diesen Stätten auch Bier, Würstl und "deutschen Kaffee" zu finden, um sich unter der Sonne des Mittelmeeres auch wirklich zu Hause zu fühlen.

Das Ziel schnell zu erreichen ist oberstes Gebot, Tempolimit "gilt nicht" – oder besser gesagt: Wer achtet schon in Italien auf Gesetze, die seit Jahren eine Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h vorschreiben? Die Italiener selbst sind wahrhaftig kein Beispiel für den gesetzestreuen Bürger: Sie wählen die Gesetze aus, denen sie zu folgen gedenken. Da haben auch die Touristen keine Anpassungsschwierigkeiten. Die Deutschen sind besonders froh über die Freiheit, mit einem in der Sonne zwinkernden Auge gegen Vorschriften verstoßen zu können – nicht auf dieselbe Weise wie die Italiener, die eher skeptisch von Natur aus sind und über Jahrhunderte hinweg erfahren haben, daß alles relativ ist. Die deutschen Besucher hegen die Überzeugung, gern gesehene Gäste zu sein, die gutes Geld ins Land bringen und ein Anrecht auf gewisse Privilegien haben. Zu Hause natürlich wäre alles anders – aber gerade deshalb strebt man im Urlaub den Ländern zu, die schön und warm, aber auch ein wenig primitiv sind, gerade in ihrem Mangel an Gründlichkeit und Perfektion, eben auch im Respekt vor dem Gesetz.

Doch plötzlich dieses Unwetter aus blauem Himmel, an einem Freitag, zu Beginn des größten Urlauberstromes nach Italien und in Italien: Ein Minister wird vom Blitz der Erkenntnis getroffen wie weiland Paulus auf dem Weg nach Damaskus. Er entscheidet, ein echtes Tempolimit auf italienischen Straßen einzuführen: 110 km/h auf den Autobahnen, 90 km/h auf den Landstraßen.

Gut oder schlecht? Gewiß kann man mit dem Minister hoffen, daß viele Menschenleben gerettet werden: Er spricht von 2000 Leben, wobei der Vergleich fragwürdig und nahezu makaber sein mag. Ist die Geschwindigkeit aber wirklich die Hauptursache der tödlichen Unfälle, oder sind es – auch – Verantwortungslosigkeit, Konzentrationsschwäche, Rücksichtslosigkeit der Fahrer? Wächst die Gefahr nicht mit den langsam fahrenden Kolonnen auf der gebührenpflichtigen Autobahn? Weicht der kostenbewußte Familienvater dann nicht auf die Landstraße aus, auf der die Unfallgefahr höher sein mag? Wäre es nicht klüger, andere Maßnahmen zu treffen? Die Diskussion ist offen, und sie ist nicht neu.

Die Italiener sind in der ganzen Welt bekannt für ihre theatralische Begabung, auch in der Politik, aber ebenso für ihre Gelassenheit und Akzeptanz des Schicksals, in der tiefverwurzelten Überzeugung, daß das Schicksal nicht ewig ist. Sie haben die neue Vorschrift zwar unwillig, aber aus zwei Überlegungen heraus hingenommen: Im Urlaub kann man schließlich auch etwas später am Bestimmungsort ankommen, und außerdem mag es ja immerhin möglich sein, daß die Rennbahnen auf die Weise wirklich ein wenig sicherer werden. Oder es wird sich erweisen, daß das Ganze nur ein Sommerscherz war (was den Bonnern das "Sommertheater", ist den Italienern der "Governo Balneare", die Baderegierung), der ohnehin am 11. September vorbei sein wird. Eine solche Distanz in der Reaktion ist für die Italiener bemerkenswert: Das Auto ist auch hier ein Statussymbol, und schnelles Fahren ist entweder eine Art von Selbstbehauptung oder – in böswilliger Unterstellung – ein Ersatz für die Selbstbehauptung.

Doch aus welchem Winkel der Welt kam der Aufruhr in der Presse und in den offiziellen diplomatischen Kanälen? Die Antwort läßt sich leicht erraten: Aus der Bundesrepublik Deutschland, von den "Großhubraumgermanen", wie sich unsere deutschen Freunde selbstkritisch definiert haben. Freilich ist die Klage berechtigt, daß solche Entscheidungen klugerweise anzukündigen sind, denn für die armen und unschuldigen Touristen ist es schwer vorauszusehen, was diese verdammten Italiener nun schon wieder erfunden haben, ohne die Öffentlichkeit über den allgegenwärtigen "Gelben Schutzengel" zu informieren. Die italienische Polizei jedoch hat sich dieser armen Gäste erbarmt und sie, wie die deutsche Presse nach dem ersten Entsetzen berichtet, "mit Geschick und vorbildlicher Freundlichkeit" behandelt.