Als der Generalstabsvorsitzende Admiral Crowe den Gast zu einem vertraulichen Gespräch mit sich in den "Tank" zog, einen abhörsicheren Raum im Pentagon, empfanden einige Regierungsbeamte plötzlich Unbehagen. Der Gast war nämlich Generalstabschef der Sowjetunion, Marschall Achromejew, und das vertrauliche Gespräch der höchsten Offiziere der beiden Großmächte fand während des Washingtoner Gipfeltreffens Ende vorigen Jahres statt. Würde die militärische Spitze der Vereinigten Staaten unter Führung des neuen Verteidigungsministers Frank Carlucci – nachdem sein Vorgänger Caspar Weinberger jede Annäherung blockiert hatte – zu hastig die direkten Kontakte zur anderen Seite forcieren? Drohte den Diplomaten die Kontrolle über die Sicherheitspolitik zu entgleiten? Inzwischen hat es mehr als ein vertrauliches Gespräch gegeben. Fast eine Woche war Marschall Achromejew Anfang Juli in den Vereinigten Staaten; er durfte das Cockpit eines heuen Bl-Bombers besteigen; auf einem Flugzeugträger bekam er einiges von der Feuerkraft der Navy zu sehen; eine Luftabwehreinheit führte ihre Fähigkeiten vor. In dieser Woche haben sich die Sowjets revanchiert: Sie haben Verteidigungsminister Carlucci ihren neuen strategischen Bomber, Blackjack genannt, gezeigt, sie haben ihm an Bord eines Kriegsschiffes Einlaß in das Sperrgebiet des Schwarzmeerhafens Sewastopol gewährt. Konservative Militärexperten wie Admiral a.D. Thomas Moore spielen das freilich herunter: Keine Seite würde wirkliche militärische Geheimnisse enthüllen. Andere Beobachter stellen dagegen fest, daß noch vor wenigen Jahren gegenseitige Besuche hoher Militärs schlechthin undenkbar gewesen wären.

Carlucci ist jetzt zum dritten Mal mit seinem sowjetischen Kollegen, Verteidigungsminister Jaçow, zusammengetroffen. Vorrangig geht es den beiden Chefs der Streitkräfte um einen weiteren Abbau von Risiken: Wie kann verhindert werden, daß noch einmal ein Offizier der US-Mission in Berlin – wie seinerzeit Major Nicholson – auf einer Inspektionstour erschossen wird, daß Kriegsschiffe im Schwarzen Meer aneinandergeraten oder hautnahe Luftüberwachung von Aufklärungsflügen mehr als ein Nervenkitzel wird – kurz, daß aus Fehleinschätzungen oder technischen Pannen ein folgenschwerer Zusammenstoß wird.

Der Besuch des amerikanischen Verteidigungsministers in der Sowjetunion fällt zudem in eine Zeit, da der Militärapparat der östlichen Supermacht mitten in der größten Strategiedebatte seit der Raketenaufrüstung zu Beginn der sechziger Jahre steht. Amerikanischen Analytikern ist nicht entgangen, daß die von Gorbatschow verkündete Umstellung von einer offensiven auf eine defensive Militärdoktrin bis hinauf in die höchsten Ränge der sowjetischen Streitkräfte umstritten ist. Carlucci würde gern erfahren, ob und wann sie sich in der Veröffentlichung echter Zahlen des Verteidigungsetats, im Verzicht auf neue Waffen, in veränderten Ausbildungsvorschriften, Manöveranlagen und der Umstrukturierung der Streitkräfte niederschlägt.

Das Stichwort in Moskau heißt freilich "Reziprozität". Ob die Vereinigten Staaten bereit wären, ihren Streitkräften strikt defensiven Charakter zu geben, ist bisher noch kaum erörtert worden.

Wichtig ist schließlich für Carlucci zu wissen, wie man sich in Moskau den weiteren Gang der Abrüstung vorstellt. Regierungsbeamte in Washington glauben inzwischen nicht mehr daran, daß die Unterzeichnung des Start-Abkommens zur Halbierung der strategischen Nuklearwaffen-Arsenale noch in der verbleibenden Amtszeit Reagans möglich wäre, von einer Ratifizierung ganz zu schweigen. Einzelne Elemente könne man fertigstellen – für den nächsten Präsidenten. Die Behandlung von mobilen Interkontinentalraketen ist innerhalb der amerikanischen Regierung so ungeklärt wie die SDI-Frage.

Im Oktober steht eine weitere der alle fünf Jahre stattfindenden amerikanisch-sowjetischen Konferenzen zur Überprüfung des Antiraketenvertrages (ABM) von 1972 an. Auch dafür gibt es noch keine einheitliche Position. William Burns, der Direktor der Abrüstungsbehörde, will den Bau des Großradars Krasnojarsk zum regelrechten Vertragsbruch erklären; das State Department will nach sowjetischen Zusagen, in Krasnojarsk Korrekturen vorzunehmen, eine Konfrontation vermeiden. Im übrigen widmet sich die Administration zur Zeit mit großer Intensität dem Vollzug des INF-Abkommens, das zwar mit der Einführung von Inspektionen vor Ort ein historischer Durchbruch ist, doch im Vergleich zu den Verifizierungsproblemen des Start-Abkommens als Anfängerübung gilt.

Für die INF-Verifizierung sind die Monate Juli und August entscheidend, da jetzt die Datenbasis kontrolliert wird: 126 amerikanische Inspektionen in der Sowjetunion laufen oder sind angemeldet. Ähnliches gilt für sowjetische Aktivitäten in den Vereinigten Staaten. Listen mit 400 Namen von Inspektoren wurden ausgetauscht. Die Amerikaner haben acht aus der sowjetischen Liste gestrichen – "Spionageverdacht"; aber das Wort wurde nicht ausgesprochen. Die US-Regierung hatte einen ausdrücklichen Beschluß gefaßt, niemanden zu entsenden, der auch für "andere" Aufgaben qualifiziert wäre. Bisher hat Moskau noch nicht geantwortet.