Die Nachricht vom möglichen Waffenstillstand mit dem Irak läßt viele Menschen im Iran aufatmen

Drei Tage nach meiner Abreise aus Iran überbringt mir das Radio die freudige Nachricht: der nahende Frieden zwischen Iran und Irak. Drei Tage bin ich zu früh abgereist, um dieses Ereignis mit den Menschen zu erleben, die es unmittelbar betrifft. Vier Monate lebte ich mit ihnen eine schwierige Zeit, mit ihnen sind meine Gedanken. Was für Feste werden sie feiern?

Ich stelle mir die Begeisterung der Jungen im wehrpflichtigen Alter vor, die offiziell als vermißt gelten, jedoch von ihren Familien versteckt werden. Die Annahme der Resolution Nr.598 gibt ihnen ein Stück Freiheit zurück. Was wird die Nachricht den iranischen Jugendlichen, die im Ausland leben, bedeuten? Manche von ihnen sind, um der Gefahr des Wehrdienstes zu entgehen, seit Jahren getrennt von ihren Eltern. Sie haben sich einer fremden Kultur, Sprache und Gesellschaft angepaßt. Werden sie sich vorstellen können, in "ihr" Land zurückzukehren? Und wenn sie zurückkehren, welche Möglichkeiten kann dieses Land ihnen bieten? Wegen der Inflation ist es für die Menschen hier immer teurer geworden, auf dem Schwarzmarkt Devisen einzukaufen. Das monatliche Einkommen eines Lehrers beträgt zirka 5000 Toman. Vor Annahme der Resolution wurden auf dem Schwarzmarkt 75 Toman gegen eine D-Mark getauscht. Eine Schachtel Zigaretten kostet 60 Toman, ein Paar Schuhe 500 bis 1500 Toman, ein Kühlschrank 50 000 Toman. Die Grundnahrungsmittel sind staatlich subventioniert und werden gegen Coupons ausgegeben, sonst wäre die Inflation für das Volk nicht tragbar. Die Coupon-Lebensmittel sind knapp ausreichend bemessen. Das Angebot auf dem Schwarzmarkt ist üppiger, doch der Preis dafür ebenfalls. Ein Kilo Fleisch ist gegen Eintausch des Coupons für 75 Toman erhältlich, auf dem Schwarzmarkt hat man dafür 300 Toman zu bezahlen.

Heroin für die Lebenden

Der Schwarzmarkt blüht an jeder Straßenecke, in jedem Kaufmannsladen. Es ist wirklich alles erhältlich: Zwar ist Alkohol verboten, jedoch zu kaufen, ebenso Rauschgift. Ein Gramm Heroin kostet weniger als eine Schachtel Zigaretten.

Iran ist ein beeindruckend reiches Land. Nach beinahe einem Jahrzehnt enormer Ausgaben für diesen Krieg hat es noch immer keine Auslandsschulden. Die Regierung hat sich auf seine unerschöpfliche Geldquelle, das Öl, verlassen, ansonsten aber jede technische und wirtschaftliche Entwicklung vernachlässigt. Teheran ist die Stadt der unvollendeten Hochhäuser. Ganze Viertel geplanter Hochhaussiedlungen stehen in ihrer jahrzehntelangen Unfertigkeit, unbewohnbar, mit rostenden Baukränen da. Zu der Zeit, da ihr Bau begonnen wurde, galt Iran als ein Land mit einer wirtschaftlichen Zukunft, heute geht es den Weg zum Entwicklungsland.

"Vor der Revolution waren wir in der Welt anerkannt. Iraner zu sein, das hieß etwas. Heute mag uns keiner mehr. Im Ausland werden wir argwöhnisch betrachtet, als Menschen, die an fremde Steuergelder wollen, Asyl oder Sozialhilfe beantragen; man fürchtet uns als religiöse Fanatiker, Chomeini-Anhänger oder gar Terroristen." So erzählt mir ein junger Perser, der in Deutschland studiert hat und seit drei Jahren wieder im Iran lebt. Über eineinhalb Millionen Iranerinnen und Iraner haben seit der Revolution das Land verlassen. Viele von ihnen warten auf den Tag ihrer Rückkehr.