Noch sonnt sich Saddam Hussein im Glanz des Retters von Arabien

Von Dietrich Strothmann

Mit dem märchenhaften Kalifen Harun ar-Raschid aus dem Bagdad von Tausendundeiner Nacht hat der irakische Präsident Saddam Hussein nur eins gemein: Wie der legendäre populäre Volksfreund liebt er die Verkleidungen. Hussein in maßgeschneiderter Marschalluniform, ordenübersät, mit Schärpe und Säbel. Hussein im grünen Felddreß oder im gesprenkelten Kampfanzug. Hussein im grauen Nadelstreifen oder im taubenblauen Zweireiher. Hussein im weißen Pilgertuch oder mit dem arabischen Kopfschmuck, der Kefija. Hussein vor Panzern und Kanonen, mit Sonnenbrille, im Koran versunken, mit Kindern auf dem Schoß, mal gütig lächelnd, mal grimmig entschlossen, jedenfalls immer unnahbar, immer auf heldenhafte Pose getrimmt.

So tritt Saddam Hussein, tausend und abertausend Mal im ganzen Land auf, in allen Dörfern und Städten, an sämtlichen Straßen und Plätzen – auf Plakaten, oft überlebensgroß. In Wirklichkeit versteckt er sich in seinem weiträumig streng bewachten Palast. Denn anders als der berühmte Kalif mischt sich Hussein nie unter sein gemeines Volk. Außer tagtäglich im Fernsehen, in den Radionachrichten und auf den Titelseiten der Zeitungen erscheint er sonst nur in allgegenwärtiger, angeordneter Regelmäßigkeit als angemalte Pappfigur, auf oft meterhohen Postern. Kein anderer Potentat wird derart pausenlos gefeiert. George Orwell läßt grüßen: Big Brother is watching you ...

"Humaner" Diktator

Dabei könnte es sich der 51jährige Präsident des Irak inzwischen durchaus leisten, sofern er lückenlos abgeschirmt wird und soweit dies überhaupt für die jederzeit gefährlichen Gefilde des Nahen Ostens gilt, auch einmal leibhaftig in der Öffentlichkeit aufzutreten. Hussein, der selbst als bedenkenloser Attentäter begann und gegen den diverse Anschläge versucht wurden, ist inzwischen einigermaßen unangefochten, beinahe ungefährdet, seit seinem Fast-Erfolg im Krieg gegen die "Teheraner Teufel" schon gar. Kein Rivale ist in Sicht, auch nicht in der Armee, der er jeden Wunsch erfüllte, zuletzt die Abschaffung der immer dreinredenden, besserwisserischen Politkommissare. Kein Nebenbuhler liegt auf der Lauer, ebenfalls nicht in den Parteizirkeln oder im Sicherheitsapparat, die entweder von Mitgliedern seiner Familie oder von Landsleuten aus seinem Geburtsstädtchen Takrit, rund 150 Kilometer nördlich Bagdads, am Tigris, befehligt werden.

Saddam Hussein ist nicht nur, seit er mit 42 Jahren im Juli 1979 von seinem kranken Onkel el-Bakr die Insignien der Präsidentschaft übernahm – und gleich auch das Generalsekretariat der Baath-Partei, den Vorsitz im regierenden Kommandorat, die Leitung des Ministerrates und den Oberbefehl über die Streitkräfte –, ein überaus gefürchteter Gewalthaber. Er ist auch erfolgreich, wird nicht nur offiziell bejubelt, von seinen dankbaren Untertanen allemal, sondern sogar spontan bewundert. Der Irak ist dank seines "humanen" Diktators in der arabischen Welt, in der Golfregion besonders, wieder zu Ansehen und Anspruch gekommen. Ohne Bagdad geht vorläufig nicht viel in diesem wirren, verworrenen Teil der Welt.