Von Wilfried Kratz

Die Losung "Einigkeit macht stark" hat einen etwas hohlen Klang bekommen. Denn von Einigkeit ist unter den britischen Gewerkschaften gegenwärtig nur wenig zu spüren. Ein ernster Konflikt zwischen der Elektriker-Gewerkschaft und dem Gewerkschaftsbund (TUC) hat die Krise in der einst mächtigen Arbeitnehmerbewegung noch verschärft. Auf dem Kongreß im September dürfte der Ausschluß der mit 330 000 Mitgliedern achtgrößten Gewerkschaft auf der Tagesordnung stehen. Er könnte der Beginn einer Sammlung rechtsgerichteter Gewerkschaften werden und zu einer Alternative zum traditionellen Gewerkschaftsbund führen, der seit 120 Jahren die Organisationen der Arbeitnehmer zusammengehalten hat. Es wäre ein weiterer Triumph der konservativen Regierung Thatcher, unter der die Bedeutung der Gewerkschaften in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ganz beträchtlich geschrumpft ist.

Vor zehn Jahren erregte in Großbritannien eine Umfrage Aufsehen. Auf die Frage, wer der mächtigste Mann im Lande sei, nannte eine Mehrheit nicht den damaligen Labour-Premierminister James Callaghan, sondern Jack Jones, den Führer der größten Gewerkschaft, der Transportarbeitergewerkschaft. Die Gewerkschaften hatten den Gipfel ihrer Macht erklommen. Heute kennt kaum jemand außerhalb des Kreises gewerkschaftlicher Aktivisten den Namen des Nachfolgers. Es ist Ron Todd. Vor zehn Jahren meinten noch über zwei Drittel der Befragten, die Gewerkschaften hätten zuviel Macht. Heute geben weniger als ein Drittel diese Antwort.

Die Rezession, der Strukturwandel und drei Gesetze haben den Gewerkschaften hart zugesetzt. 1979 hatten sie 13,3 Millionen Mitglieder. Heute sind es noch rund 10,4 Millionen – ein Rückgang um mehr als ein Fünftel. Der TUC organisiert 83 Gewerkschaften, mit über 9,13 Millionen Mitgliedern. Der im internationalen Vergleich hohe Organisationsgrad, der einst über fünfzig Prozent betrug, ist weiter gesunken. Heute sind nur noch 41,5 Prozent der abhängig Beschäftigten bei TUC-Gewerkschaften organisiert.

Seit Margaret Thatchers Machtübernahme vor neun Jahren tun sich die Gewerkschaften schwer, mit der "konservativen Revolution" zurechtzukommen. Sie schwanken zwischen unversöhnlichem Widerstand, halbherziger Anpassung an die neuen Gegebenheiten und der trügerischen Hoffnung, sie würden ihre alten Besitzstände und Machtpositionen erreichen, falls die Labour Party wieder die Regierung bildet. Die großen Arbeitskämpfe endeten in Niederlagen. Der höchst politische Streik der Bergleute war der Wendepunkt. Er scheiterte an der Entschlossenheit der Regierung und der mangelnden Unterstützung durch andere Gewerkschaften. Schon der Druckerstreik gegen die Murdoch-Zeitungsgruppe stand im Zeichen letzter Militanz. Die Unruhe im öffentlichen Gesundheitsdienst äußerte sich mehr in Demonstrationen als in Streiks, und der Arbeitskampf der Seeleute gegen die Kanalfähren in diesem Jahr hatte kaum noch ein politisches Element.

Die Gewerkschaften sind längst aus dem Prozeß der politischen Willensbildung verdrängt, auf den sie unter Labour einen so starken Einfluß hatten. Aber viele klammern sich um so stärker an ihre Rolle innerhalb der Labour Party. Gewerkschaften bringen nicht nur drei Viertel der Parteifinanzen auf und stellen Helfer im Wahlkampf. Sie üben dank ihrer Blockstimmen auf dem Parteitag einen entscheidenden Einfluß auf die Politik der Partei aus. Auf Gewerkschafter entfallen vierzig Prozent der Stimmen in der Wahlversammlung, die den Führer der Partei und seinen Stellvertreter wählt. Auf dem Parteitag im Oktober muß sich Neil Kinnock zur Wahl stellen, nachdem ihn der Linke Anthony Wedgwood Benn herausgefordert hat. Kinnocks Bestätigung im Amt erscheint zwar sicher, aber der Einfluß der Gewerkschaften auf die Führung und die Politik der Partei wird wieder einmal sichtbar und unterstreicht, was viele in Großbritannien als eine Schwäche des politischen Systems und der Labour Party ansehen, nämlich die historisch enge Verflechtung mit den Gewerkschaften, deren mangelnde Popularität der Partei schadet.

Manche Gewerkschaftsführer haben diese strukturelle Schwäche erkannt und plädieren für eine größere Distanz zwischen dem "industriellen und dem politischen Flügel der Arbeiterbewegung". Manche halten diese Formulierung ohnehin für überholt, da sie eine vergangene Welt beschreibe. Es sind in der Regel auch jene Gewerkschaftsführer, die eine Reihe von Maßnahmen in den Gewerkschaftsgesetzen der Regierung Thatcher für richtig halten und sich an den Wandel in Industrie und Gesellschaft anzupassen suchen. Ihr Ausbruchsversuch aus dem gewerkschaftlichen Konformismus sorgt für den Konflikt mit den konservativen Verteidigern der alten Traditionen.