Weil wir etwas Zeit mitgebracht haben, schlendern wir die Treppe zum Bahnsteig hoch, ganz ohne Hast. Gemütlich lehnen wir uns gegen eine Reklametafel und blicken versonnen die Gleise entlang. Tja, diese Bahnsteige, es sind wirklich seltsame Orte. Abschied und Wiedersehen, Menschen, die lachen, weinen und winken.

Wenn wir es recht überlegen, waren wir schon früh leidenschaftliche Bahnsteigbesucher. Unsere erste eigene Bahnsteigkarte, wie lang ist das her? Jahre! Jahrzehnte? Wir zahlten drei Groschen und durcheilten die Sperre. Ah, Moment, und wir denken nach, so scharf wir nur können. Die Sperre? Wo ist sie, ist nicht heute alles kostenlos? Aber was ist dann mit der Bahnsteigkarte? Was mit dem Mann in der kleinen Kontrolleursloge, mein Gott, er war doch immer nur für Bahnsteigkarten zuständig. Wo ist er hin?

Später, in der Redaktion: Die Frage beginnt uns zu quälen. Ein Anruf bei der Bundesbahndirektion scheint unvermeidlich. "Was wollen Sie? Bahnsteigkarten?" Nun ja, eine gute Frage, sagt der Auskunftsbeamte, aber bitte, man könne schließlich nicht alles zur Hand haben, er wolle nachsehen, einen Kollegen fragen. "Ich rufe zurück!"

Unendlich langsam verstreichen die Minuten. Haben wir uns – Folge der sengenden Sonne Norddeutschlands – womöglich alles nur eingebildet? Hat es die Bahnsteigkarte nie gegeben? Aber wofür haben wir dann damals drei Groschen bezahlt? Jagen wir am Ende ein Phantom?

Endlich, nach fast einer Stunde, erlösend, das Telephon, die Bundesbahndirektion. Die Bahnsteigkarte – also doch! – gab es bis 1960. Ja und dann? Der Mann am anderen Ende der Leitung ringt vernehmlich nach Luft. "Dann wurden nach und nach alle Ausgangssperren aufgehoben." Wie bitte? Aber was geschah mit den Eingangssperren? Und vor allem, wo verblieben die Bahnsteigkarten?

Er könne gern noch mal nachschauen, sagt der Beamte mit gepreßter Stimme. Wir verzichten, denn die Sache ist klar.

Kompliment, daß ist also die "neue Bahn". Erst die Dampfloks und dann heimlich auch noch die Bahnsteigkarte. Einfach "vom Markt genommen", sozusagen ein schleichender Prozeß. Am Ende ist es natürlich keiner gewesen.