Sie sagen, Sie kennen mein Schwimmbad nicht? Aber natürlich kennen Sie es. Sie wissen nur nicht, wie es heißt und wo es liegt. Aber es ist wie das Ihre. Ganz unnötig also, daß Sie sich in ein anderes bemühen, was der Mensch ja, wechselt er doch eher Wohnung und Arbeitsplatz als sein Schwimmbad, ohnehin höchst ungern tut.

Eine Feldstudie – in diesem Fall wohl besser: Rasenstudie – belegt es: In deutschen Schwimmbädern herrscht Ordnung. Nicht bloß vom Bademeister vorgeschriebene, sondern selbstgewählte Ordnung. Nie würde ich es wagen, mich in meinem Freibad an beliebigem Platz niederzulassen. Vernichtende Blicke träfen mich ohne Zweifel, begäbe ich mich, zum Beispiel, unverfroren auf den Yuppie-Hügel. Der ist den höhensonnengebräunten, in Fitneßstudios gefolterten Bodies vorbehalten – ein gewöhnlicher Körper tut es hier nicht. Ganz abgesehen davon, daß uns die Trendpostille Tempo soeben eingeschärft hat, nur mit der "richtigen" Sonnenbrille gelte der Yuppie am Beckenrand inskünftig als korrekt angezogen. Die aber kann ich mir nicht leisten.

Setzte ich mich unlegitimiert auf der Familienwiese hin, riskierte ich, in mißtrauischen Mütteraugen als potentieller Wüstling zu erscheinen. Wo wer im Freibad hingehört, weiß offensichtlich jede und jeder auch ohne Hinweistafeln. Unsichtbare Grenzen trennen die Beamtenliegewiese von der Schwulenecke, den Singles- vom Pärchenbereich und jenen wiederum vom (oft respektlos "Geriatrieabteilung" genannten) schattigen Rentnerhang. Bleiben noch der Bierseligkeitstreff gleich vor der Imbißbude und der Studentenwinkel zu erwähnen. Mein Schwimmbad ist geographisch klar gegliedert.

Und wage selbst in seiner eigenen Rasenregion keiner, das Badetuch an beliebiger Stelle auszubreiten. Es gibt Stammplätze: Das Mädchen im knallgelben Badeanzug (voriges Jahr war er, glaub’ ich, blaßgrün) sitzt, seit ich mich entsinnen kann, gleich links am Sprungturm. Und der so harmlos scheinende Morgenpost-Leser neben mir wäre wohl zu allem fähig, machte ihm einer seine vier Quadratmeter streitig. So liegen manchmal schönste Rasenplätze brach, wenn ein Stammgast ausbleibt. Es sei denn, ein Fremder läßt sich kühn da nieder – welcher Frevel.

Wer wann kommt und geht – das ist ein Ritual, strenger als die Gottesdienstordnung. Um Viertel vor zwölf kommen die beiden Handelsschülerinnen. Zehn Minuten danach stellt sich der Turmspringer ein. Und Punkt zwölf erscheint das schwäbische Paar zur Selbstgrillierung. Ohne hinzusehen, weiß ich, daß mein bebrillter Nachbar seine Zeitung gleich beim Feuilleton aufschlagen wird. Daß das knallgelbe Bikini-Mädchen am Kiosk jedesmal Hamburger mit Salat holt. Und daß der Turmspringer seiner Schokoladenmilch treu bleibt. Vorige Woche fiel er allerdings einmal aus der Rolle und aß Früchtekuchen. Glücklicherweise nichts Ernstes – die Schokoladenmilch war ausgegangen.

Wer wieviele Beckenlängen schwimmt, wer den Drei- und wer den Fünfmeterturm erklimmt, wer zuerst zögert und wer gleich in die Fluten taucht, wer prinzipiell bei jeder Temperatur ins Wasser geht – ich weiß es, mir ist jede Routine vertraut.

Das deutsche Freibad hat gewiß mit Freizeit zu tun. Vielleicht auch mit Freizügigkeit. Mit Freiheit aber überhaupt nichts. Gerade als ich diesem hehren Gedanken Raum geben will, muß ich die Niederschrift meiner Feldbeobachtungen abrupt unterbrechen, hat doch der Zeiger der großen Uhr an der Bademeisterkabine einen Sprung getan. Höchste Zeit, mich vom Bauch auf den Rücken zu drehen. Für genau fünf Minuten.

Fredy Gsteiger