Immer aggressiver kämpfen die Firmen um das Geschäft mit dem Plastikgeld

Von Rudolf Kahlen

Walter Cavanagh zeigt den Inhalt seiner Brieftasche jedem, der mal reinsehen möchte. Das ist allerdings immer etwas umständlich. Denn der 45 Jahre alte Amerikaner aus Santa Clara, einem Vorort von San Francisco, braucht Platz dafür – exakt 76 Meter und zwanzig Zentimeter. So lang ist die Brieftasche, wenn er sie wie eine Ziehharmonika auseinanderfaltet, damit seine Kreditkarten zum Vorschein kommen. Er besitzt insgesamt 1189, so viele wie niemand sonst auf der Welt. Allesamt sind sie gültig, was zusammengerechnet einem Kredit von 2,3 Millionen Mark entspricht und einen Vermerk im Guinness-Buch der Rekorde wert ist.

In der amerikanischen Plastikwelt verfügt jeder Haushalt durchschnittlich über zehn Kreditkarten. Das ist immer noch beachtlich, verglichen mit der deutschen Zahl. Hierzulande existiert nur in jedem dreizehnten Haushalt eine derartiges Exemplar. Die Deutschen zahlen einfach lieber bar oder mit Scheck. Erst ein Prozent des gesamten Zahlungsverkehrs wird mit Kreditkarten abgewickelt, nur knapp zwei Millionen stecken in den Brieftaschen. Demgegenüber besitzen 21 Millionen Bundesbürger eine Eurocheque-Karte.

Für Jürgen Aumüller, den Geschäftsführer der deutschen Filiale der amerikanischen Kreditorganisation American Express, ist die Bundesrepublik deshalb, "was den Kreditkartenbereich angeht, noch immer ein Entwicklungsland". Allerdings sind die Wachstumsraten erstaunlich. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der ausgegebenen Karten mehr als verdoppelt. Anfang der neunziger Jahre rechnet die Branche gar mit fünf Millionen Kunden.

Bis dahin wird sich der Kartenmarkt noch gewaltig verändern. Die Banken und Sparkassen werden ihre gutgehende Eurocard mit noch größerem Werbeaufwand als bisher der Kundschaft anbieten, nachdem das Projekt einer Massenzahlungskarte namens Europlus geplatzt ist. Alternativ zur Eurocard werden zusehends mehr Geldinstitute die Visa-Kreditkarte in eigener Regie ausgeben. Damit zerbricht ein Kartell der Banken und Sparkassen. Bislang achtete nämlich die von allen Geldinstituten getragene Gesellschaft für Zahlungssysteme (GZS) darauf, daß niemand ausscherte und im Kartenbereich eigene Wege ging.

Für die gut verdienende Kundschaft ist eine goldene Eurocard mit besonderen Privilegien geplant. Jede Eurocard soll zudem – wie bei den anderen Kreditkarten längst üblich – eine Geheimnummer bekommen, wodurch es bald möglich sein wird, mit ihnen Bargeld an Automaten abzuheben und bundesweit in ausgewählten Geschäften und Hotels an der Kasse elektronisch zu zahlen. Überdies können die Kreditkarten vom Jahresende an in vier deutschen Flughäfen zum Telephonieren benutzt werden.