Das Meerwasser zwischen den Felsen ist so klar, daß man bis auf den Grund sehen kann. Im Seetang haben sich ein Seestern und ein kleiner Schleimfisch versteckt." Bilderbuch-Idylle... Jill Dow hat in allerzartesten Pastelltönen glasklares Naß, Muscheln, Schnecken, Seetang, Krebse aquarelliert.

Weil den Autoren dieses sachkundlichen Buch-Programms für kleine Leser bewußt ist, daß sie ein verlorenes Paradies beschreiben, zieht auf Seite 24 ein Unwetter auf: Havarie im Sturm, ein Öltanker läuft leck. Dreckiger, schwarzer, glitschiger Film bedeckt den breiten Küstensaum, verklebt das Gefieder der Vögel, verstopft die Kiemen der Fische. Garnelen, Krabben, Krebse ersticken, Millionen kleinster Lebewesen sind tot.

"Ein Jahr später ist von der Ölkatastrophe nicht mehr viel zu sehen..." Die letzten Seiten dieses ökologischen Sachbilderbuches aus England sind licht, leicht, sanft, sauber. Sonnenfleckchen tanzen im glasklaren Wasserspiegel. Bilderbuch-Realität, Wunschträume...

Traurige Kindheiten der späten Achtziger Jahre: nachdem sie in einer schäumenden Industriekloake baden mußten, die hunderttausendtonnenweise mit Nickel, Blei, Quecksilber und Dünnsäure verseucht ist, erzählen abends die Mütter einschlafenden Kindern die Mär vom schönen Meer, zeigen ihnen bunte, leuchtend^ Bilder. Auch da, wo Autoren redlich um Kritisches bemüht sein mögen, klafft ein bestürzender Riß zwischen Realität und Bild.

Jan, der Fischersohn, findet im Fangnetz einen jungen Seehund, schippert zu den Sandbänken, bringt die kleine Robbe zurück ins heimatliche Wasser. Der kleine Findling, später ein unerwartet reicher Fang und schließlich ein nächtlicher warnender Traum stimmen Jan nachdenklich. Heimgekommen erzählt er den Dorffischern von seinem Traum, dem nächtlichen Hilferuf des Meeres. Männer und Frauen beschließen energisch, etwas gegen die Meeresverschmutzung zu unternehmen.

Um diesem "Umwelt"-Geschichtchen Gewicht zu verleihen, hat der Verlag ein Vorwort von Heinz Sielmann vorangestellt. Um die Natur zu erhalten, komme es vor allem auf die Jugend an. "Sie muß von klein auf erkennen, daß eine Naturidylle, einmal zerstört, für kein Geld der Welt von uns Menschen neu erschaffen werden kann..."

Nicht ins Kinderbuch gehört solche Mahnung, sondern (weniger unverbindlich, weniger phrasenhaft formuliert) auf den Tisch der Politiker und der Firmenmanager von Texaco, Kronos Titan, BASF und sämtlicher Einleiter, die die Nordsee als Endlager für Industriemüll benutzen. Lange bevor das große Sterben der Robben als Menetekel todkranker Natur begann, schon Ende 1986 hat Petra Deimer die erschreckend hohe Sterbeziffer der jungen Seehunde genannt: 60 bis 65 Prozent verenden vor dem ersten Lebensjahr. Auf verdreckten Sandbänken fressen sich Bakterien fest, verursachen Geschwüre und Entzündungen. Die kleinen gestreßten Robben müssen nicht nur das hunderttausendtonnenweise chemieverseuchte Meerwasser verkraften, sondern Militär-Schieß- und Tiefflugübungen direkt über ihrer Kinderstube im Watt.