Von John Gribbin

Die Aktivität der Sonne nimmt derzeit in einem so großen Maße zu, wie noch nie seit 1840, als mit ihrer lückenlosen Registrierung begonnen wurde. Dieser Trend wird sich, wie Wissenschaftler am Ozeanographischen und Klimatologischen Institut der US-Regierung (NOAA) vermuten, noch fortsetzen, bis gegen Ende des kommenden Jahres der Höchststand erreicht ist. Für Astronauten, sogar schon für Passagiere hoch fliegender Linienflugzeuge, könnte dies ein durchaus ernstzunehmendes Strahlenrisiko bedeuten; denn je aktiver die Sonne, desto stärker ist ihre kosmische Strahlung und damit die Strahlendosis, die unseren Planeten in den höheren Atmosphäreschichten erreicht.

Das wird auch Störungen im Funkverkehr, bei der Stromversorgung und im Fernsprechnetz zur Folge haben. Außerdem kann ein ungewöhnlich starker Sonnenwind – von der Sonne ausgehende Ströme geladener Teilchen – einige der zur Zeit etwa zweihundert erdumkreisenden künstlichen Satelliten aus ihrer Umlaufbahn werfen und vorzeitig in die Erdatmosphäre eintauchen lassen. Den mit radioaktivem Material beladenen, sowjetischen Spionagesatelliten Sojus 1900 hat es jetzt schon erwischt, weil die russische Raumfahrtbehörde offenbar nicht auf den gegenwärtigen steilen Anstieg der Sonnentätigkeit gefaßt gewesen ist.

Die Sonnenaktivität verändert sich in einem ungefähr elfjährigen Zyklus. Ihr sichtbares Merkmal sind dunkle Flecken auf der Oberfläche des Zentralgestirns. Die über einen Monat oder ein Jahr gemessene durchschnittliche Ausdehnung des Gebietes, das von diesen "Sonnenflecken" bedeckt ist, gilt als das Maß der solaren Aktivität. Registriert wird es im Sunspot Index Data Centre des Königlich Belgischen Observatoriums. Erreicht die Sonnenfleckenzahl ihr Maximum, dann ist es sehr "stürmisch" auf der Sonne, ihr Magnetfeld ist erheblich gestört und an der Peripherie der Sonnenscheibe sehen wir gewaltige Fackeln emporlodern.

Der gegenwärtige Solarzyklus hat mit einem Aktivitätsminimum im September 1986 begonnen. Normalerweise erreicht die Sonnenfleckenzahl ein Maximum von 150. Doch schon im März dieses Jahres hatte diese Maßzahl 75,8, im April gar 88 betragen. Noch nie seit 1840 ist in einem so frühen Stadium eine so rapide Steigerung registriert worden. Für das im September 1989 erwartete Maximum rechnen die Forscher mit einer Sonnenfleckenzahl von 170, möglicherweise gar von 200.

Just ein so hohes Maximum hatte der kalifornische Astrophysiker Jim Shirley schon vor geraumer Zeit prophezeit. Dies nämlich entspräche seiner – nicht unumstrittenen – Theorie, mit der er die oft beträchtlichen Unterschiede sowohl der Zyklen-Dauer, als auch der Sonnenflecken-Intensität erklärt. Beides soll, wie er errechnet hat, mit der schwankenden Umlaufbahn der Sonne um das Zentrum des Planetensystems zusammenhängen. Der Mittelpunkt der Sonne ist nämlich nicht dieses Zentrum. Wegen der wechselnden Verteilung der Planeten-Massen liegt er zwar manchmal in der Nähe ihres Schwerpunktes, zu anderen Zeiten aber befindet er sich außerhalb der Sonne. Üblicherweise wird dieses Zentrum als im Raum fixiert betrachtet, und so gesehen hat eben auch die Sonne eine Umlaufbahn. Um ihren Verlauf zu verdeutlichen, vergleicht Shirley die Sonne mit einer Hantel, deren eines Ende etwas schwerer ist als das andere. Wirft jemand die Hantel in die Luft, so beschreibt zwar ihr Schwerpunkt eine glatte Bahn, aber die Kugeln an ihren Enden bewegen sich in einer sehr komplizierten Weise um diesen Massenmittelpunkt.

Niemand weiß, wieso die Bewegung der Sonne einen Einfluß auf ihre Aktivität haben soll. Doch der Zusammenhang zwischen der Sonnenfleckenzahl und dem Drehmoment der, Sonne ist (siehe unsere Zeichnung) unverkennbar. Gegenwärtig begibt sie sich auf eine außergewöhnlich exzentrische Bahn. Von 1984 bis zum Jahr Zweitausend läuft sie gewissermaßen "rückwärts" – verglichen mit der vorherrschenden Umlaufrichtung während der letzten 13 Jahrhunderte. Statt das Zentrum zu umrunden, hält sie sich während dieser gesamten Zeitspanne, stets auf dessen einer Seite auf. Auch dann, wenn sie dem Massenmittelpunkt des Sonnensystems am nächsten ist, vom kommenden Jahr an bis 1991, wird sie sich relativ zu diesem Zentrum auf der "schiefen Bahn" befinden.