ARD, Dienstag, 26. Juli "Alles Kranke ist Last"

Montag und Dienstag sind für die Fernsehkritik in der ZEIT schwierige Programmtage. In die Ausgabe vom folgenden Freitag paßt eine Besprechung nicht mehr hinein, am übernächsten Freitag aber wäre gar zu viel Zeit zwischen Sendung und Rezension verstrichen. So kommt es, daß das Fernsehprogramm des Wochenbeginns selten hier berücksichtigt wird. Ausnahmen sind Sendungen, von denen die Rezensentin annehmen darf, daß sie nachwirken. Dazu gehört die dokumentierende Reportage "Alles Kranke ist Last" von Ernst Klee und Gunnar Petrich.

Bis heute haben beide Kirchen – als Institutionen! – es verabsäumt, ihre Mitwirkung an NS-Verbrechen öffentlich zu "bekennen". Lediglich die evangelische Synode gab vor drei Jahren zu, "nicht genug Widerstand" geleistet zu haben. In anderen kirchlichen Verlautbarungen war ähnlich euphemistisch von "Verstrickung" die Rede – dabei ginge es um das Eingeständnis massiver Mittäterschaft.

Circa 400 000 kranke und behinderte Menschen, Taubstumme, Epileptiker, Krüppel und Geistesgestörte, wurden im Dritten Reich umgebracht: vergast, vergiftet, dem Hungertod ausgeliefert. Diese Kranken gehören traditionell zur Klientel der Kirchen, da ja die Geistlichkeit gern über pflegerische und Sozialarbeit ihre karitative Mission ausübt. Die Schwestern, Seelsorger und Verwalter kirchlicher Pflegeanstalten überantworteten ihre Schützlinge fast widerstandslos der Staatlichen Volksgesundheitspolitik und damit dem Tode. Neben einzelnen Nein-Sagern – am folgenreichsten: Bischof Galen in Münster – wirkte ein Heer von willigen Helfern bei der Durchführung des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" und bei der Nazi-Euthanasie mit. Nonnen, Pfarrer und Bischöfe setzten singend das Reich Gottes mit dem Dritten Reich in eins.

Der Idiot beleidigt das Ebenbild des Schöpfers und muß deshalb diesem "zurückgegeben" werden. Selbst Pfarrer von Bodelschwingh, der der größten deutschen Behinderten-Einrichtung Bethel vorsteht, sieht keinen Widerspruch zwischen der Sterilisierung "Erbkranker" und dem Willen Jesu. Kardinal Faulhaber nennt die Euthanasie einen Akt der Notwehr gegen das "minderwertige Element". 1941 übergeben die Neudettelsauer Anstalten in Bayern ihre halbe Belegschaft dem staatlichen Fegefeuer. Das Heilinstitut Scheuern in Hessen bietet sich selbst als Übergangsanstalt für das Lager Hadamar an, wo der Gastod wartet. Es geht geregelt zu. Die Todgeweihten erhalten die Sterbesakramente. Schließlich sind sie in der Obhut der Kirche. Klee/Petrich zeigten erstmals Sequenzen aus einem verschollenen NS-Propagandafilm: besonders auffällige Patienten, Spastiker und Geisteskranke, sollten dem Publikum demonstrieren, daß manche Leiden den Menschen zum Monstrum machen, welches den Gnadentod erheischt. Es ist die Frage, ob es klug war, diese Ausschnitte dem sonst tadellos komponierten Filmbericht anzufügen. Das spektakuläre Unglück entstellenden Siechtums, die gekrümmten Körper und zerstörten Gesichter lösen immer noch Schrecken aus, der davon ablenkt, daß die wahren Monstren gesund und nett aussahen, Hauben und Soutanen trugen und die Nächstenliebe im Munde führten, während sie "Abschiedsgottesdienste" hielten für ihre Opfer.

Barbara Sichtermann