Von Heinz Josef Herbort

Dienstag, 26. 7. 1928

Das müßte eigentlich immer wieder jeden warnen: "Wie durch Fluch er mir gerieth, verflucht sei dieser Ring! Nun zeug’ sein Zauber Tod dem – der ihn trägt!" Doch selbst der diese schreckliche Drohung direkt vernommen hat, Wotan, will ihr nicht glauben – wie sollten es jene, die nur vom Hörensagen davon wissen, Fasolt und Fafner, Siegfried und Brünnhilde. Eher dann schon solche, die, alle Details kennend, ihn doch immer wieder schmieden zu müssen glauben, Intendanten, Regisseure, Dirigenten, Bühnen- und Kostümbildner. "Wer ihn nicht hat, den nage der Neid!" Ist es so?

Ganz bestimmt aber wenigstens wir, die schon zum soundsovielten Male es erfahren haben: "Keinem Glücklichen lache sein lichter Glanz!" Freilich: das ist die undurchschaubare, unerklärliche Realität dieses Ringes: "Dich muß ich fassen, alles erfahren!" Und so reisen wir ihm – denn "Geheimnis-hehr hallt" uns "sein Wort" – überall hin nach. "Nur wer das Fürchten nie erfuhr, schmiedet Nothung neu!" Wenn es doch nur um ein Schwert ginge. Aber da wird am Ende eine Welt brennen müssen ...

Mittwoch, 27. 7. 1988

Schwüles Gedünst schwebt in der Luft; lästig ist mir der trübe Druck" – den Hammer des Gottes Donner müßte man haben, "das fegt den Himmel mir hell". Aber wo gestern noch unter "gleißender Sonne" manch eine zwar nicht Freie, aber doch Holde hatte zeigen können, daß ihrem Wunsche – "Gewänne mein Gatte sich wohl das Gold!" – entsprochen ward, "staut sich" heute "starkes Gewölk", ergießt sich "die Fluth". Abendlich freilich "strahlt der Sonne Auge; in prächtiger Gluth prangt die Burg" über dem Grünen Hügel: "Fanget an!"

Spätestens seit Götz Friedrich es uns in Berlin augenfällig machte, kommen wir an der Erkenntnis nicht mehr vorbei: der "Ring"-Mythos geht zwar auf ein Ende zu, Wotan will es selber so; aber am Schluß stehen doch die Leichen wieder auf, nicht nur um sich vor dem Vorhang zu verbeugen, sondern um das Stück von neuem zu beginnen. Der "Ring" ist ein Ring, sein endloses Ende mündet in den Anfang, an seinem Schluß steht nicht nur ein bißchen vage Hoffnung, sondern Trotz und Glauben, animalischer Behauptungswille und transzendierende Ahnung.