West-Berlin

Eine "wunderschöne Schamhaargrenze" bestaunte der Mann, vermaß eine weibliche Brust mit der Wasserwaage und sagte während einer Vaginaluntersuchung: "Da wird ihr Freund wohl keine Schwierigkeiten haben." Zitate aus dem Drehbuch eines Pornofilms? Nein, es handelt sich um Beispiele sexueller Belästigung am Fachbereich Medizin der Freien Universität Berlin, die in einem Strafprozeß vor dem Berliner Amtsgericht Tiergarten zur Sprache kamen.

Angeklagt war freilich nicht der Gynäkologieprofessor, gegen den eine Medizinstudentin entsprechende Vorwürfe erhoben hatte, sondern sie selbst. Der 64jährige Hochschullehrer hatte eine Verleumdungsklage angestrengt. Sie endete, von den dichtgedrängt sitzenden Zuhörerinnen beklatscht, mit dem Freispruch der Studentin. Vorausgegangen waren zwei mehrstündige Verhandlungstage, in denen es vor allem um die Selbstuntersuchungskurse des Professors ging. Diese hatte er "auf Drängen der Studentinnen", wie er betonte, vor acht Jahren eingeführt. Bedingung für die Teilnahme: Die Studentinnen mußten sich vorher von dem Professor untersuchen lassen, bis zu anderthalb Stunden mitunter und auch schmerzhaft, wie einige der Zeuginnen aussagten. Dabei sei es ebenso zu anzüglichen Bemerkungen gekommen, wie während der Besprechungen über mögliche Doktorarbeiten. Auf dem Sofa seines Arbeitszimmers habe der 64jährige seinen Besucherinnen nicht nur Bier, sondern auch das Du angeboten. Da habe er einer Studentin schon mal einen Kuß auf die Wange gedrückt oder gefragt, ob sie mit ihm schlafen wolle.

Immer wieder schüttelte der Hochschullehrer, der sich im Laufe des Prozesses mehrmals als "Frauenfreund" bezeichnet hatte, den Kopf zu solchen Ausführungen. Er witterte eine "Kampagne" gegen sich, fühlte sich gar "aus dem Hinterhalt abgeschossen". Als Nebenkläger lud er Untergebene in den Gerichtssaal, die sein korrektes Verhalten bezeugten. Und triumphierend schaute er in die Runde, als eine Angestellte sagte: "Bei uns ist es immer sauber zugegangen."

Auf naive, rührige Art bemühte er sich auch um Unterstützung bei Studenten und Studentinnen. Im Anschluß an eine Probevorlesung im Sommersemester bat er sein Auditorium um schriftliche Stellungnahmen zum Gehörten. Dem Gericht legte er 43, meist wohlwollende Umfrageergebnisse vor. Selbstverständlich habe der Professor "nicht ständig sexuell belästigt" hieß es in der Urteilsbegründung, in einigen Fällen sehe das Gericht dies jedoch als erwiesen an.

Die Verteidigerin der Studentin hatte im Plädoyer vor allem die mangelnde Zivilcourage der Freien Universität gerügt. Denn obwohl die Hochschulspitze längst durch ein Papier der "Frauengruppe Medizin" unterrichtet war, wurde kein Disziplinarverfahren eingeleitet. Der Hochschullehrer hatte sich in einem Brief als unschuldig präsentiert, das genügte. Von "universitärer Männerkumpanei" sprach jetzt die Vizepräsidentin der FU, Barbara Riedmüller, in einem Interview mit der taz und sagte: "Wenn solche Fälle dann tatsächlich bekannt werden, hängt man sie gern etwas tiefer, nicht weil man sie rechtfertigen, sondern weil man sie nach außen verdecken will."

Ob die Universität noch gegen den Hochschullehrer vorgehen wird, ist ungewiß. Er selbst bezeichnet sich bereits als emeritiert. Ob es anderen nach diesem Warnzeichen sofort an den Professorenkragen gehen wird? "Dieser Fall ist schließlich nicht der einzige", sagte im Gerichtssaal die Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe "Sexuelle Belästigung an der FU". Isabel Wartenberg