Von Willi Germund

Guatemala-Stadt, im August

Das Nobelpreiskomitee wollte das Abkommen fördern und ernannte dessen Initiatoren, Costa Ricas Staatspräsidenten Oscar Arias, zum Friedensnobelpreisträger. Selten wurde eine Entscheidung so einhellig begrüßt und gelobt. Denn völlig überraschend hatten die fünf mittelamerikanischen Präsidenten sich am 7. August 1987 auf das "Friedensabkommen von Guatemala" geeinigt, mit dessen Hilfe politische Lösungen für die krisengeschüttelte Region gefunden werden sollten. Nur die Beteiligten konnten ihre Skepsis nicht verhehlen. Die Tinte der Unterschrift war noch nicht trocken, da mutmaßte El Salvadors Staatschef Napoleon Duarte schon, Nicaragua werde die Bedingungen nicht erfüllen. Oberst Enrique Bermudez, Chef der von Washington unterstützten Contras, hielt den Vertrag schlicht für Unfug: "Der Arias-Plan übt ebensoviel Druck auf Tegucigalpa und Washington aus wie auf Managua. Wir sollten uns ergeben – als Gegenleistung für Versprechen." Ein Mitglied der salvadorianischen Befreiungsbewegung FMLN brachte ebenfalls alles andere als Begeisterung auf: "Das Abkommen ist eine Verschwörung der Regierung gegen revolutionäre oder irreguläre Gruppen."

Dabei hatten die Präsidenten von Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica mit ihrer Unterschrift unter das, was als "Esquipulas II" in den Fachjargon einging, etwas geschafft, was noch einen Tag vorher ausgeschlossen schien. Bis dahin hatten sie vornehmlich gegenseitige Anklagen und Vorwürfe geäußert, nun einigten sich die fünf Staatsoberhäupter auf eine gemeinsame Grundlage und tauschten zum erstenmal ihre Telephonnummern untereinander aus. Doch auf den ersten Blick scheinen die Skeptiker recht behalten zu haben.

Kaum ein Punkt des Abkommens wurde in die Praxis umgesetzt – und immer noch herrscht Krieg in Mittelamerika. Dabei waren die Präsidenten am Anfang sogar so wagemutig, sich Fristen zu setzen. In den ersten drei Monaten nach Unterzeichnung sollten Amnestien erlassen, Versöhnungskommissionen gegründet, verfeindete Seiten an einem Verhandlungstisch zusammengebracht werden. Demokratische Prinzipien wie uneingeschränkte Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit mußten verwirklicht werden; in den Ländern, in denen Krieg herrschte, wurden ein Waffenstillstand und eine anschließende politische Lösung ins Auge gefaßt. Irreguläre und politischmilitärische Gruppierungen sollten ihre Waffen abgeben und sich anschließend in den politischen Prozeß der jeweiligen Länder eingliedern: Eine Formulierung, die bei allen Gegensätzen sowohl El Salvadors Staatspräsident Napoleon Duarte und Nicaraguas Oberhaupt Daniel Ortega gefiel.

Außerdem wurde jedem Staat der Region verboten, auf seinem Territorium Gruppen zuzulassen, die in benachbarten Ländern Krieg führen. Die Überwachung des Abkommens übertrugen die Präsidenten einer internationalen Überwachungskommission. Inzwischen existiert sie nicht mehr. Sie wurde aufgelöst, weil El Salvador und Honduras die Ergebnisse nicht zusagten. Ein neues Überwachungsgremium wurde bisher nicht ins Leben gerufen. Ortegas Vorschlag, die alte Überwachungskommission zu reaktivieren, stieß bei seinen Kollegen auf wenig Gegenliebe. Auf die Festsetzung von (neuen) Fristen verzichteten die Präsidenten nach ihrer letzten Begegnung im Januar ebenfalls.

Zum Jahrestag findet jetzt nicht einmal ein neues Treffen der Staatschefs statt. Die offizielle Begründung lautet: Der unheilbar an Magen- und Leberkrebs erkrankte Napoleon Duarte liege im Krankenhaus. Aber die Unlust ist unverkennbar. Denn inzwischen haben die Differenzen wieder zugenommen. In Honduras erklärte der Armeechef Regalado gar, die trotz Friedensabkommen immer noch in Honduras stationierten Contras seien notwendig, um der ideologischen Bedrohung aus Nicaragua Einhalt zu gebieten.