Laichingen

Wenige Tage nach den Pogromen der „Reichskristallnacht“ im November 1938 erschien in einer Lokalzeitung auf der Schwäbischen Alb eine „Geschichtserinnerung an das große Hungerleiden im Jahr 1816/17“. Grundlage für die Veröffentlichung, mit der die Presse ein historisches Exempel für „Nörgler und Meckerer“ statuierte, war eine Quelle, die unter dem Namen „Laichinger Hungerchronik“ bekannt ist. Sie galt lange als „beeindruckende Schilderung der Not- und Teuerungsjahre“, die sich in den armen Gegenden des Königreichs Württemberg, wie in dem Weberort Laichingen auf der Alb, verheerend ausgewirkt hatten. Jetzt ist die „Laichinger Hungerchronik“ als Fälschung entlarvt worden.

Nicht die Journalisten, auch Volkskundler und Historiker hatten die Chronik als sozialhistorisch aufschlußreiche Quelle immer wieder zitiert. Denn nirgends fanden sie die Hungerperiode so ausführlich, so farbig und in ihren Auswirkungen so umfassend geschildert wie in den angeblichen „Aufzeichnungen eines unbekannten Älblers“, die der Lehrer Christian August Schnerring zwischen 1916 und 1937 mehrfach und in abweichenden Fassungen herausgegeben hat.

Schnerring berief sich bei seinen Veröffentlichungen auf eine vierzig Seiten umfassende Handschrift, jene „vergilbten Blätter“, die er wie ein Novellen-Erzähler beim „volkskundlichen Suchen“ auf der Alb entdeckt haben will. Tatsächlich hat Schnerring sie, bei Papier und Schrift Antiquiertheit vortäuschend, eigenhändig verfaßt. Als ein Archivmitarbeiter 1987 die in Privatbesitz befindliche Handschrift zum erstenmal kritisch unter die Lupe nahm, hat er sie auch sofort als Fälschung erkannt. Ein wissenschaftliches Symposium stimmte 1988 seinem Befund zu.

Auffällig an der Fälschung ist ihr offener Anti-

  • Fortsetzung nächste Seite
  • Fortsetzung von Seite 11

semitismus. Schnerring wirft den Juden des Albdorfes Buttenhausen vor, von der „Hunger- und Teuerungszeit“ profitiert, ja diese erst verursacht zu haben: „Das Korn ist im Preis schon wieder gestiegen. Viele Händler gehen um von Buttenhausen und der Abraham kauft alles Getreide zusammen. Sie treiben nichts als den Preis in die Höhe. Heute sind wieder vier Fuhren Getreid für den Abraham fortgekommen, sollen in die Schweiz gehen. Wäre besser, sie blieben da und der Jud fort.“ Wer echte Quellen und Archivalien der Hungerzeit auswertet, kommt zu einem anderen Ergebnis: Die Juden waren damals keine mächtigen Getreidehändler. Ihnen war nur unter strengen Auflagen der Hausierhandel gestattet.