"Ertrinken verboten" von Pierre Granier-Deferre

Der Morgen graut an der Atlantikküste, das Meer spuckt Leichen aus, und der Schlaf eines kleinen Seebades gebiert Ungeheuer. Heute früh mit der Flut kam die erste Wasserleiche. Morgen wird die nächste kommen, übermorgen die übernächste, unerbittlich im Rhythmus der Gezeiten. Alle Leichen waren männlich. Alle hatten Grund, sich zu fürchten, und sie waren nicht die einzigen. Deshalb regiert jetzt die Angst den Badeort: Wer wird der Nächste sein?

Pierre Garnier-Deferre inszeniert seinen kleinen Krimi auf französische Art: als bürgerliches Pandämonium. Zwar stapft ein mürrischer Inspektor (Philippe Noiret) über den Strand, stöbert nach Indizien, quetscht Verdächtige aus. Aber wichtiger als die Frage nach dem Täter sind andere Fragen: Werden die Wasserleichen die Urlauber fernhalten und die Geschäfte stören? Wie schmeckt das Marmeladebrot, wenn schon zum Frühstück neue Todesnachrichten kommen? Und was haben all die schönen, kühlen, unnahbaren Frauen vor, die freizügig ihre Körper zeigen, ihre Gedanken aber geschickt verschleiern?

Der Plot ist so seicht wie das Wasser bei Ebbe, die Inszenierung so schillernd wie der Strand im Gegenlicht. Der wahre Schrecken liegt unter der Oberfläche: "Ertrinken verboten" handelt von der diskreten Scham der Bourgeoisie. C.S.

"Martha Jellneck" von Kai Wessel

Es ist still in der Wohnung. Nur wenn das Fenster geöffnet wird, dringt Verkehrslärm von der Straße herein. Manchmal tapst Chico, der kleine, träge Hund übers Parkett. Er ist meist der einzige Ansprechpartner für Martha Jellneck, die ihre Wohnung seit Jahren nicht mehr verlassen hat: wegen einer Arthrose bereitet ihr jeder Handgriff Schmerzen. Abwechslung in ihren eintönigen Tagesablauf bringen nur ein vierzehnjähriger Türke, der nachmittags Chico ausführt, eine Nachbarin, die für sie einkauft, und Thomas, ein junger Zivildienstleistender, der ihr mittags das Essen bringt.

In ruhigen, genau gewählten Einstellungen erzählt der Film vom Alltag in der Zweizimmerwohnung: das umständliche Aufstehen, die große Anstrengung bei jeder Geste – langsam, sorgfältig und bei aller Regelmäßigkeit doch mit liebevollem Interesse für kleine Veränderungen und Geschichten, das sich im weiteren Verlauf auf merkwürdige Zufälle richtet. So wenig wie Martha Jellneck die Wohnung verlassen kann, vermag sich der Zuschauer der wachsenden Spannung zu entziehen, die durch die geschickte und zurückhaltende Dramaturgie aufgebaut wird. Es gibt keine grellen Effekte, sondern konzentrierte Empfindungen und vor allem die großartige schauspielerische Leistung des ehemaligen Ufa-Stars Heidemarie Hatheyer, die in Kai Wessels Debütfilm nach 25 Jahren erstmals wieder vor die Kamera tritt. Conny E. Voester