Dannenberg

Die Wiesen der Dannenberger Marsch werden auch im Sommer nie trocken. Das macht das Vorland der Elbe zu einem Paradies für viele Vögel, die woanders längst ausgestorben sind. Allein 24 Weißstorch-Paare nisten in diesem Zipfel des niedersächsischen Kreises Lüchow-Dannenberg, so viele wie sonst nirgendwo auf einer Fläche. Doch Naturschützer wie Heide Filoda sorgen sich, denn die Wiesen könnten bald trockengelegt sein, die Vögel ihre Brutplätze verlieren. Selbst die Bundesregierung blieb gegen diese Pläne bislang machtlos.

Die Dannenberger Marsch liegt abseits, unmittelbar an der Grenze zur DDR, an der Elbe. Kranich, Trauerseeschwalbe, Kampfläufer und Uferschnepfe leben auf dem 7 600 Hektar großen Gelände. Insgesamt sind es 24 Tierarten, die nach der "Roten Liste" der Naturschützer vom Aussterben bedroht sind, 30 weitere gelten als stark gefährdet. Die Wiesen sind von langen Gräben durchzogen, die Äste der Bäume spiegeln sich in kleinen Seen. Zwischen Alteichen und Weiden wachsen selten gewordene Pflanzen, wie die Krebsschere mit ihren weißen Blüten. "Auf dem Papier ist das Gebiet eigentlich bestens geschützt", sagt Heide Filoda, die zur Kreisgruppe des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) gehört. In der Ramsar-Konvention (nach der indischen Stadt benannt, in der sie unterzeichnet wurde) wird die Dannenberger Marsch als "Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung " aufgeführt. Teile des Elbvorlandes stehen unter Natur- oder Landschaftsschutz, die Landwirte müssen sich zurückhalten.

Für Vögel und Pflanzen in der Dannenberger Marsch wollte auch die Bundesregierung Gutes tun. Die 7 600 Hektar wurden 1982 ins "Förderprogramm zur Errichtung und Sicherung schutzwürdiger Teile von Natur und Landschaft mit gesamtstaatlich repräsentativer Bedeutung" aufgenommen. Damit standen 1,6 Millionen Mark aus Bonn bereit. Der Landkreis sollte möglichst viele Feuchtwiesen kaufen, um sie vor Ackerbau und Viehzucht zu schützen. Für Kaufhandlungen hatte der Landkreis vier Jahre Zeit.

Doch in der Zwischenzeit flossen andere Fördermittel in den Landkreis: 1,6 Millionen Mark von der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel für "wasserwirtschaftliche. Maßnahmen" in der Dannenberger Marsch. Ein Pumpwerk wurde bereits modernisiert, in diesen Wochen werden die Gräben tiefer ausgehoben. Und das zuständige Wasserwirtschaftsamt Lüneburg plant eine Flutrinne – 200 Meter breit, vier Kilometer lang. Im Frühjahr würde dann das Hochwasser schneller abfließen. Das hätte verheerende Folgen, befürchten die Naturschützer. "Die Wiesen würden langfristig austrocknen, viele Vogeleier zerstört", meint Heide Filoda. Auch der Bundesvorstand des BUND warnte: Nur damit die Landwirte drei Wochen eher als bisher ihr Vieh auf die Weide treiben könnten, werde ein Vogelbrutgebiet von internationaler Bedeutung zerstört. Ein "Bauernschutzgebiet" wird dagegen auf einem Schild vor einem Bauernhof am Elbdeich gefordert – und – "Öko-Touristen sind unerwünscht".

Landwirtschaft kontra Naturschutz – die Bundesregierung forderte von der Kreisverwaltung ein Konzept. Die entschied nach einem Gutachten: Bedrohte Vögel und Pflanzen müßten Vorrang haben. Aber die Behörde hat seit 1982 erst 23 der 7 600 Hektar für 400 000 Mark gekauft, der große Rest der Fördermittel blieb also liegen. "Die sind beim Ankauf sehr vorsichtig gewesen, sonst hätten viele Bauern schon verkauft", meint der Kreisvorsitzende des Landvolkverbandes, Werner Hilse. Das Bundesumweltministerium kürzte die Förderung inzwischen auf die Hälfte des Gebietes. Und Geld gebe es erst dann wieder, hieß es, wenn die Kreisverwaltung endlich ein Konzept vorlege.

"Die Beamten wollten es sich nicht mit den Bauern verderben und haben deshalb das Konzept ganz bewußt verschleppt", urteilt Frau Filoda. Ein Vorwurf, den Willi Fricke mit "aller Entschiedenheit" zurückweist. Er ist Leiter des Bauverwaltungsamtes in Lüchow und auch für den Naturschutz zuständig. Die Pläne der Verwaltung, sagt er, seien bisher nicht auf Wohlwollen des Umweltministeriums gestoßen. "Die Realisierbarkeit des Projektes hängt wesentlich von der Mitwirkung des Landes Niedersachsen ab", hatte Staatssekretär Stroetmann im Bundesumweltministerium erklärt. Hier aber ist nicht das Umwelt-, sondern das Landwirtschaftsministerium zuständig. "Die Meinungsbildung vor Ort ist noch nicht abgeschlossen, das warten wir ab", gibt sich der Referatsleiter im Landwirtschaftsministerium, Jürgen Jörn, gelassen. Sechs Jahre nach Bewilligung der Fördermittel sei es für ein Machtwort "noch zu früh". Hinrich Lührssen