Die Industriestaaten exportieren ihr Sondermüllproblem, statt es zu Hause zu lösen

Von Christiane Grefe

Vor dem republikanischen Abgeordneten Michael Synar aus dem US-Bundesstaat Oklahoma lagen Dokumente über die Odyssee des Frachters Khian Sea. Fassungslos las Synar von dem zwei Jahre dauernden und noch immer vergeblichen Versuch, fast 13 500 Tonnen giftiger Verbrennungsrückstände aus Philadelphia irgendwo auf der Welt loszuwerden. Seit Mai, so schloß der Bericht, sei das Geisterschiff samt Ladung verschollen – irgendwo auf hoher See.

Letzte Woche tauchte die Khian Sea plötzlich wieder auf: in Bijela, einem kleinen Hafen an der strahlend sonnigen, touristenbevölkerten Adriaküste im Süden Jugoslawiens. Dort wird der Kahn eine Woche lang repariert. Und dann?

"Ungiftig, ungefährlich, nicht entflammbar" – die Zollpapier-Lüge, vom Kapitän beim Auslaufen im Sommer 1986 unterzeichnet, nützte wenig. Niemand auf den Bahamas, im Heimathafen der unter liberianischer Flagge segelnden Khian Sea, wollte die schäbige Fracht aus den USA entladen. Die Besitzer bei der Amalgamated Shipping Company versuchten es daraufhin in der Dominikanischen Republik. Fehlanzeige auch dort, trotz emsiger Lobby-Bemühungen bis hin zum katholischen Bischof. Auf Bermuda war man ebenfalls mißtrauisch. Chile wollte den Giftmüll nicht in stillgelegten Minen deponieren und Honduras keine seiner Sümpfe damit trockenlegen. Auch Guinea-Bissau, ganz woanders, lehnte ab. In Costa Rica versuchten es die Betreiber mit der Umdeklaration des Giftes als Baumaterial für eine Hafenmauer – vergebens.

Erst in Haiti organisierte eine erzrechte Gruppe mit Verbindungen zu Kokainhandel und Militär die Importgenehmigung für einen Teil der gefährlichen Fracht. Immerhin 3000 Tonnen wurden, im Oktober vergangenen Jahres auf einer abgelegenen Strand- und Mangroven-Halbinsel entladen, dieses Mal erfindungsreich verkauft als "Düngemittel". Seitdem haben laut Greenpeace starke Seewinde die giftigen Stäube in die nahe Stadt Gonaive geweht.

Die Militärs untersagten eine Demonstration oppositioneller Umweltschützer. Daraufhin protestierten haitische Flüchtlinge in Miami. Doch der Müll aus Philadelphia lagen noch immer am Strand – obwohl die Regierung schließlich zugleich mit einem generellen Anlandeverbot für Giftschiffe auch den Abtransport der Flugasche anordnete. Die Odyssee der Khian Sea mit der verbliebenen Giftfracht führte zurück Richtung Philadelphia, dann über den Atlantik, schließlich ins Mittelmeer.