Die Union ist mit den einsamen Entscheidungen des Kanzlers unzufrieden

Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im August

Auf den Schock folgt bleierne Stille. Hätte nicht der Kanzler höchstselbst vor seiner Abreise in den Urlaub noch eine ausgiebige Pressekonferenz gegeben, die CDU wäre sang- und klanglos im Sommerloch verschwunden. Es war ihr auch danach. Nie zuvor ist eine regierende Partei derart demoralisiert in die Ferien geflüchtet.

Freilich, ob nun in Urlaubsgefilden oder in den heimischen Wahlkreisen, die Nachtmare hocken überall. Der Auftritt Helmut Kohls hat sie keineswegs verscheucht, im Gegenteil. Oft genug ist die notorische Aufgeräumtheit des Regierungschefs schon für sich eine Zumutung. Aber was er den Bonner Journalisten an gelassener Stimmung und stupendem Optimismus bot, ging weit über das Rollenspiel hinaus, auf das sich jeder politische Profi verstehen muß. "Bei gutem Wetter ziehe ich mir das Jackett aus, bei schlechtem Wetter spanne ich den Schirm auf" – vor allem dieser platte Kommentar ist haften geblieben, nach den vielen Wochen und Monaten, in denen sich die Talfahrt der Union und Koalition immer mehr beschleunigt hat. Ihren Mitgliedern und Anhängern muß er wie Hohn in den Ohren geklungen haben.

Erreicht diesen Kanzler denn nichts mehr? Ist ihm sein berühmter Instinkt abhanden gekommen? Man mag es, nach dem anderthalbjährigen Leidensweg der Steuerreform und der komödienhaften Blamage beim Flugbenzin, kaum glauben. Aber die Tatsache, daß Kohl sich von beidem im Grunde unbeeindruckt zeigte, deutet doch darauf hin, daß er abgehoben hat. Das Publikum erlebt diese Entfremdung besonders bei seinen immer häufiger beschworenen Visionen vom europäischen Binnenmarkt. Wie schon mancher seiner von innenpolitischen Querelen angewiderten Vorgänger blickt der Regierungschef lieber zu den außenpolitischen Sternen auf. Er läßt sich von den Sphärenklängen des internationalen Lobs beflügeln, das ihm als Promotor Europas zuteil geworden ist.

Aber achtet er auch noch genug auf die Gassen, wo die Stolpersteine der Innenpolitik liegen? Vieles spricht dagegen. Die Entschlossenheit des Überzeugungstäters Ernst Albrecht, dem zunehmenden Nord-Süd-Gefälle Einhalt zu gebieten und dabei sein Ja oder Nein zur Steuerreform notfalls als erpresserischen Hebel zu benutzen, ist im Kanzleramt bis hart an einen Sturz in den Abgrund dieser Drohung verkannt worden. Beim steuerfreien Benzin für Hobbyflieger war es vor allem die Furcht vor deren Fürsprecher Franz Josef Strauß, aus der sich die instinktlose Zuversicht nährte, irgendwie werde man damit schon durchkommen.