Chemiekonzerne können im Jubiläumsjahr auf Rekordgewinne verweisen

Auch 1988 dürfte für die deutschen Chemieunternehmen ein erfreulicher Jahrgang werden. Bescherte der Musterbranche bereits das vergangene Jahr neue Rekordgewinne, winken jetzt noch höhere Erträge. Allein die aus dem Supermulti Interessengemeinschaft Farbenindustrie (I.G.Farben) nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangenen Töchter BASF, Bayer und Hoechst werden es auf ein Ergebnis von mehr als zehn Milliarden Mark bringen. Die in den kommenden Wochen veröffentlichten Zwischenberichte könnten den Chemieaktien deshalb neuen Auftrieb geben.

Besser könnte das Jubiläumsjahr für zwei der drei Vertreter der heimischen Großchemie nicht verlaufen. Die Jubiiiare Bayer und Hoechst, die ihren 125. Geburtstag feiern, sowie BASF berichteten bisher von einer schwungvollen Entwicklung. Im ersten Quartal steigerten alle zusammen den Umsatz um 9,7 Prozent auf 30,3 Milliarden Mark. Da der Dollar in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen ist, dürfte sich der günstige Trend fortgesetzt haben.

Obwohl die chemische Industrie etwa vierzehn Prozent des deutschen Exportes bestreitet, wird die Abhängigkeit von der amerikanischen Währung überschätzt. Denn rund die Hälfte des Weltumsatzes wird im westeuropäischen Ausland erzielt. Der über Jahre gesunkene Dollar konnte die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Chemieunternehmen nicht nachhaltig schwächen. 1987 setzte das Chemie-Triumvirat in Nordamerika 22,3 Milliarden Mark um, das entspricht einem Anteil von zwanzig Prozent. Durch Bestrebungen, das Geschäft in Asien und Afrika auszudehnen, dürfte sich dieser Anteil künftig weiter zurückbilden. Schon im vergangenen Jahr gelang es Bayer, zehn Prozent der gesamten Erlöse am japanischen Markt zu erwirtschaften.

Daß die Chemiekonzerne heute nur so vor Ertragskraft strotzen, ist auch auf tiefgreifende Umstrukturierungen in der Vergangenheit zurückzuführen. Die Maßnahmen reichen von der Modernisierung der Anlagen über Programmverbesserungen bis hin zum Verkauf oder der Stillegung unrentabler Produktionen. Viele Schwächen wurden in den achtziger Jahren beseitigt und große Verlustquellen zumindest einger dämmt. Bayer gab beispielsweise das langjährige Sorgenkind Metzeler, das Reifen und Kautschuk herstellt, an die Pirelli-Gruppe ab. Daneben steckten die Leverkusener eine halbe Milliarde Mark in die Phototochter Agfa-Gaevert, die nun wieder auf gesunden Füßen steht. Die Frankfurter Hoechst AG kaufte sich für den stolzen Betrag von 5,1 Milliarden Mark beim amerikanischen Konkurrenten Celanese ein und fährt damit gut.

Damit die deutschen Chemieriesen international mithalten können, stecken sie jährlich viel Geld in die Forschung. Bayer machte dafür allein im vergangenen Jahr 2,3 Milliarden Mark locker. Daß sich die hohen Investitionen in die Zukunft lohnen, stellt nicht nur BASF eindrucksvoll unter Beweis. Die Ludwigshafener zählen inzwischen über eine Tochter in den Vereinigten Staaten zu einem bedeutenden Anbieter von Kohlenstoff-Fasern, die besonders in der Luftfahrt sowie im Automobilbau eingesetzt werden. Hoechst forscht seit Jahren im Bereich der Gentechnologie und bringt regelmäßig neue Pharmaprodukte auf den Markt. Dagegen hat sich Bayer auf die Biotechnologie spezialisiert.

Ein Blick auf die Gewinnschätzungen verschiedener Banken zeigt, daß gerade die Aktien der Großchemie weiterhin sehr preiswert sind. Das gilt besonders nach internationalen Maßstäben. Während etwa in Wall Street. für Dow Chemical der zwölffache und in Tokio für Mitsubishi Chemical der vierzigfache Gewinn bezahlt werden müssen, liegt die Bewertung an den deutschen Börsen für BASF, Bayer und Hoechst nicht einmal bei neun. Hinzu kommt eine attraktive Dividende. Bayer und Hoechst haben anläßlich ihres Jubiläums auf den alten Satz von zehn Mark bereits einen Bonus von einer Mark gelegt und könnten für das laufende Geschäftsjahr durchaus zwölf Mark pro Aktie ausschütten. BASF feiert erst im nächsten Jahr den 125. Geburtstag und dürfte sich dann ähnlich großzügig geben.