Kinder lieben Hasen. Zu Hause im Stall (und noch lieber im Wohnzimmer), an Ostern in Schokolade und Plüsch und – wenn’s gar nicht zum Anfassen geht – dann eben in Bilderbüchern. Generationen kleiner Plagegeister sind abends schon mit Peter Rabbit, Benjamin Bunny und der Häschenschule eingeschlafen.

Wem die alten Bilderbücher zu zerfleddert sind, für den gibt es jetzt Neues aus dem Hasenland: "Die Theaterhasen", bezaubernd aquarelliert vom Münchener Bilderbuchautor Luis Murschetz, der auch schon den Maulwurf Grabowski, den Hamster Rädel und den Karpfen Kilobald in die Welt geschickt hat.

Die Geschichte: in einem ehrbaren Stadttheater entspringt einem Zauberer der weiße Hase, den er allabendlich aus dem Zylinder zieht. Das passiert nicht nur einmal: Auch der Ersatzhase entschlüpft, und nach einiger Zeit sind gar zwölf weiße Hasen flüchtig.

Unter der Bühne im Maschinenraum führen die Viecher ein fröhliches Leben, und da sie sich wie die Kaninchen vermehren, wird es immer lustiger: Mal setzen sie während der Vorstellung die Drehbühne in Gang, mal lassen sie den Donner grollen oder das ganze Theater im Nebel versinken.

Schließlich sind die Schauspieler vom mysteriösen Treiben so irritiert, daß sie das Haus für immer verlassen. Das Orchester folgt und als dann noch die Kantine schließt, wirft sogar der Herr Direktor (warum sieht er nur dem Münchener Intendanten August Everding so ähnlich?) den bunten Schal um den Hals und erklärt: "Das Haus ist unbespielbar." Er zieht vergrämt zu seiner Mutter.

Die Langohren nehmen das Theater in Besitz und spielen auf der Bühne "einfache Hasenstücke, ohne Sprache und Musik", wie der Autor am Ende seiner Geschichte erzählt und hinzusetzt: "Gewöhnlich am Nachmittag, weil da das Licht am schönsten durch das kaputte Dach auf die Bühne fällt."

Mit Elternmoral hat das Bilderbuch wenig im Sinn. Der Hasenparabel weise Quintessenz: im Leben siegt auch manchmal das Chaos und Tohuwabohu ist eigentlich ganz gemütlich. Letzteres predigen Kinder ja sowieso. Warum lieben sie also Hasen? Weil sie sich selbst so klein und hilflos vorkommen? Weil der ehrgeizige Vater sie des öfteren Angsthasen schimpft? Die frechen Theaterhasen gehören auf alle Fälle nicht in die ängstliche Kategorie. Gegen sie ist selbst Old Shatterhand ein lahmer Hund. Irene Mayer-List