Von Peter von Becker

Zwei Debütanten mit sonderbaren Tönen. Keine Sinnsprüche und keine gepflegten Gefühle für die Allgemeine – und dabei schreiben beide ganz verschieden.

Zum Beispiel der "Lebenslauf", so heißt ein Gedicht des Baslers Urs Allemann: "Vorgestern hab ich mich in die Socke geschneuzt / Gestern hab ich in die Kladde geschissen / Heut leck ich mir mit der Zungenspitze die Nase / Morgen werf ich die nasse Windel weg / Übermorgen mach ich die Augen zu / Und starr mir nach wie ich dem Horizont / Entgegenhinke und ganz klein verschwinde." Man kann das auch noch kürzer sagen, mit nur einer Zeile der Kölner Lyrikerin Luise Schmidt: "Kindheit alte Zeitbombe". Dieser knapp umfassende Befund steht freilich in einem längeren Gedicht, dessen Verse nicht alle so schlagend und treffend sind.

Urs Allemanns "Rapport", der erste Text seiner ersten Gedichtsammlung mit Namen "Fuzzhase": "Ich bin ins Bierfaß der Bedeutung gefallen / Kein schöner Tod sag ich euch / Sie zogen ein Gedicht raus mir grauts noch." Und vor dem Absturz ins Bedeutungsloch – alles klar, auf nimmerwiedersehn – graut es auch Luise Schmidt, mit anderen Worten: "Jaja, bitte verarbeiten Sie Ihre Erkenntnisse. Und / zwar psychologisch. Und schnell." Im übrigen hat sie ihre Verständigungs-Zweifel: "auf geht nichts aber unser / einseitiges Geschrei verfolgt uns / jeden Tag sobald wir Zwei sind / gibt es nur noch Ich Sätze bis / der Ekel kommt und / wiederkommt und / uns erst auseinander / treibt wenn schon die dunkelbraune Spucke ins Gehirn gelaufen ist..." Später heißt es im selben Text: "Liebling, was die Leute reden / ist phantastisch Ketten aus / Worten mißbrauchen sie an / ihren Körpern (Alle.) / ihre abgewichsten Gefühle beschlagen / die Fenster der Seele mit Dreck – / das sind die Augen – / trübe und beinahe blind –/ mit jetzt und damals hat das nichts zu tun – / weil immer schon Angst und Feigheit – / die Freiheit umgebracht haben." Bis "(Alle.)" sind das wieder leuchtende Sätze. Doch wo die unterschwellige Verwünschung hier weitertreibt ins Erläuternde und Moralisierende, beginnt auf einmal nur das Gerede gegen’s Gerede.

Schon beim vorigen Zitat, bei der "dunkelbraunen Spucke", ließe sich ja einwenden, ob nicht ein Verzicht aufs Adjektiv besser wäre als jede Farb- oder Feuchtigkeitsbeschreibung. Andererseits hat es mit dem "Dunkelbraun" auch was auf sich für Luise Schmidt. Denn "Die" Finsternis die freie Existenz", wie dieser Band (ganz unironisch) benannt ist, meint nicht so sehr die Merkmale einer individuellen psychischen Verdüsterung, er weist vielmehr auf einen Widerspruch kollektiver deutscher Geschichte.

Frei und dadurch im moralischen Sinne finster sieht die dreiunddreißigjährige Autorin die Existenz eines Landes, das Leben in einem Land, das seine Vergangenheit statt im Lichte der Aufklärung und Trauer lieber im Dunkel des Vergessens bestatten möchte. Die Wunder der Wirtschaft ("und der Kamin raucht") lassen sie da ausrufen "Raus aus Auschwitz / durch die Arbeit in die Freiheit" – und anschreiben gegen die neuen Freiheits- und Freisprüche von Politikern und Richtern, die bodenlos bleiben, solange den Lebenden nicht auch die Toten ihren Zukunftsgrund geben: "Unter den Autos liegen die Fußgänger / unter den Fußgängern liegt selten etwas / das schreit."

Keine evidenten "Protestgedichte", keine aufrechten Losungen. Luise Schmidt umwebt Motive der Politik und Zeitgeschichte eher mit einem Kokon aus privaten oder fiktiv-biographischen Anspielungen, Tagträumen, beiläufigen Aufzeichnungen und gesteigerten Schreck- und Sehnsuchtsbildern. Teils wirken ihre prosaisch-poetischen Gespinste dennoch durchsichtig, teils auch nur schleierhaft. Die besten Verse haben schon beides, Geheimnis und Luzidität; die schlechteren (manchmal ganz fahrigen, tonlosen) tragen Worte wie "Kristallnacht", "Vergangenheit" oder den "Stern auf der Brust" wie graue Aufkleber auf grauem Kleid. Nie wird es Kitsch, nicht immer drum Kunst. Ungewöhnlich und verheißungsvoll aber ist dieses Debüt allemal.