Von Peter Todt

Alljährlich ist die Nordseeinsel Trischen in der Meldorfer Bucht Schauplatz einer großen vogelkundlichen Besonderheit. In der Zeit von Mitte Juni bis etwa Mitte September versammeln sich hier ungefähr 100 000 Brandgänse. Aus ganz Nordwesteuropa, von Skandinavien über England bis Frankreich, sammeln sich bei Trischen etwa dreiviertel dieser Brandganspopulation. Diese Vögel, etwa so groß wie Stockenten, fliegen die Meldorfer Bucht an, um hier in Ruhe zu mausern, das heißt, ihr Fluggefieder zu wechseln. Alle Flügelfedern werden gleichzeitig abgeworfen – als Flügel bleiben nur kleine Stummel nach –, sodaß diese Vögel für einige Wochen völlig flugunfähig sind, bis die neuen Flügelfedern nachgewachsen sind. Daß die Vögel in dieser Zeit neben viel Nahrung besonders viel Ruhe benötigen, ist sicher für jedermann einsichtig. Gefahren können die Vögel nur schwimmend, oder wenn sie auf dem Watt Nahrung suchen, laufend entkommen. Das ist für die scheuen Brandgänse eine besondere Zeit, in der sie vielen Streßsituationen ausgesetzt sind.

Bisher gab es in der Meldorfer Bucht noch ausreichend Ruhe und Nahrung. Nachdem nun aber vor einigen Jahren für die Brandgänse und auch andere Vögel große Wattgebiete wegen des Baues und des Betriebes der Ölförderplattform "Mittelplate A" der Texaco ausgefallen sind, blieben bisher zur Mauser und Nahrungssuche noch die Watten östlich und nordöstlich der Insel Trischen als Ausweichgebiete nach. Die Vogeldichte auf den verbleibenden Gebieten wurde zwangsläufig größer.

Nun liegt nordöstlich von Trischen, auf dem Bielshövensand, das Waffenerprobungsgebiet E 71 der Bundeswehr und der Rüstungsindustrie. In den letzten Jahren wurde hier im Watt der Schießbetrieb immer stärker ausgeweitet. Als die Bundeswehr 1969 herkam, versprach sie, daß nur im Speicherkoog und nicht im Watt geschossen werden sollte. Diese Zusage wurde nicht eingehalten. Bisher wurde hauptsächlich im Frühjahr und Herbst in die Vogelschwärme der nordischen Wattvögel (Limikole) geschossen, wenn diese hier auf dem Hin- und Rückweg in ihre nordischen Brutorte versuchten, sich die nötigen Fettreserven für ihre langen Reisen anzufressen. Diese Vögel konnten ihr Leben vor den explodierenden Granaten wohl größtenteils durch den Abflug retten, weil sie immer flugfähig sind. Dennoch kam es zu großen Störungen!

Im letzten Jahr hat die Bundeswehr damit begonnen, ihre Schießzeiten auch auf die Zeit der Brandgansmauser auszudehnen, die bisher noch tabu war. Bemerkte ich im letzten Jahr nur an sechs Tagen Schießübungen im Watt, in der Zeit vom 1. Juli bis zum 15. September, so sind dieses Jahr in der Zeit vom 1. Juli bis zum 31. August allein 31 Schießtage ausgewiesen. (Auch nach dem 1. September wird geschossen; die Zeiten liegen mir noch nicht vor.)

Zur Zeit erreichen täglich große Mengen der Brandgänse aus allen Richtungen das Gebiet um Trischen. Etwa 40 000 Brandgänse sind schon da. Die ersten Vögel sind bereits flugunfähig. Anfang August werden 100 000 Brandgänse in der Meldorfer Bucht eingetroffen sein. Bis zum 22. Juli fand an jedem Wochentag Granaten- und Raketenschießen im Wattenmeer statt. In den beiden Wochen bis zum 5. August ist Waffenruhe im Nationalpark. Aber in der Zeit vom 8. bis zum 12. August 1988 gibt es nochmal eine Schießübung auf dem Bielshövensand.

Es ist die Hauptmauserzeit der Brandgänse, von denen die meisten dann flugunfähig sind. Die Explosionen der Granaten und Raketen, die auch meine Vogelwärterhütte zum Schwanken bringen, werden die flugunfähigen Vögel in großer Menge töten.