Einmal im Jahr lädt ein Dresdner Geigenbauer seine Freunde auf einen Raddampfer und fährt mit ihnen die Elbe abwärts. "Lila – der letzte Schrei" hieß es in diesem Jahr: Rund 300 Menschen hatten sich in lila Hemden und lila Kleider geworfen, lila Bänder wehten von weißen Hüten, ein junger Mann hatte sich für diesen Tag sogar einen weißen Frack aus Bettuch genäht – mit lila Knöpfen. Auf allen Decks erklang Musik: Männerquartetts mit "Ännchen von Tharau" und "Sah ein Knab ein Röslein stehn", irgendwo schmetterte eine Frau eine Arie aus dem "Barbier von Sevilla".

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In Pillnitz stieg ein Mann zu, der für diesen Tag den sächsischen Kurfürsten August den Ersten darstellte, in seiner Begleitung ein zur Prinzessin Anna v. Dänemark kostümiertes Mädchen. Stallburschen führten die Majestäten auf Pferden zur Anlegestelle. Eine Leibgarde in Lila-Weiß begleitete sie. Die auf den Schiffen schrien: "Hoch lebe das Königreich Sachsen! 800 Jahre Sachsen, 40 Jahre DDR." Später gab es ein Picknick für die Kinder auf einer Wiese, danach ein besinnliches Konzert der Musikfreunde in der Wehlener Kirche. Und überall Empfang, und Abschied mit Posaunen. Viel Phantasie und Arbeit war für den einen Tag investiert worden, an dem Freunde und Freundesfreunde sich zusammenfanden, in großer Gruppe, aber doch durch Lila und Weiß abgehoben vom Rest der Welt. Sie feierten den Tag wie die Kinder, ganz dem Augenblick hingegeben. Für, einen Tag stiegen sie aus – aus der Realität in die selbstgemachte heile Welt. Es war eine Stimmung fast wie einst bei den Blumenkindern von San Francisco.

Vierzehn Tage später ein Ausflug in den Norden: "Entdeckungen" im Schweriner Theater. Fast sechs Stunden Schauspiel mit Vor-, Haupt- und Nachtprogramm, jeweils drei Stücke gleichzeitig, für einen einzelnen kaum zu bewältigen. Und das ist jammerschade. Weil da dem staunenden Publikum vorgeführt wird, wie brillant Geschichte aufgearbeitet werden kann. Zum Beispiel in "Wolokolamsker Chaussee III". Thema: der 17. Juni 1953 – nicht gerade selbstverständlich auf DDR-Bühnen. Schillernd von Heiner Müller geschrieben, ebenso schillernd von Christoph Schroth inszeniert, als Thema mit Variationen.

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Die "Wolokolamsker IV" scheint zunächst nur komisch: zwei Clowns tummeln sich in der Zirkusarena, von zwei jungen Schauspielern virtuos gespielt – zwei, die für die Sicherheit des Staates verantwortlich sind. Erst allmählich vergeht einem das Lachen, wenn Mensch und Schreibtisch miteinander verwachsen, der Bürokrat zum Kentauren wird.

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