Ich zögere, dieses Buch zu besprechen. Es ist eines der menschlichsten Bücher, die ich seit langem gelesen habe und sicher das unmenschlichste zugleich. Es handelt von einem iranischen Kindersoldaten, der noch nicht einmal dreizehn Jahre alt, von einer fanatischen Mutter in die Armee gejagt, mit Tausenden anderer Kinder und junger Leute über die Minenfelder getrieben wurde, damit die Angriffsgruppe der Iraner über gesäubertes Gelände vorrücken konnten. Sie flogen in die Luft und wurden bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Der kleine Reza Behrouzi gerät nach unendlichem Leid schließlich in irakische Kriegsgefangenschaft und wird, wenn auch für sein Leben gezeichnet, gerettet.

Ich gestehe, daß ich nach dem Lesen dieses Buches furchtbare Träume hätte, voller Blut. Meine Generation las nach dem Ersten Weltkrieg Remarques’ "Im Westen nichts Neues", das war schon schlimm genug. Dieser Bericht aus der persischirakischen Wüste übertrifft das Grauen der Westfront, die Remarque beschreibt, bei weitem. Nun kann man natürlich sagen, was geht uns zuvilisierte Europäer der islamische Fanatismus an? Wir schicken keine Kinder auf Schlachtfelder, und solche Mütter wie die des kleinen Reza gibt es bei uns hoffentlich auch nicht. Die Priester der christlichen Religionen versprechen den Gefallenen nicht die Krone des Märtyrers und das Paradies.

Aber wir sollten vorsichtig sein. Es gibt das berühmte Bild Hitlers aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges, auf dem er einem Kind das Eiserne Kreuz anheftete. Es gab die Todesanzeigen für Gefallene: "In stolzer Trauer", und es gibt heute noch Pfarrer und Bischöfe beider Kirchen, die die Verteidigung des Vaterlandes – was immer das sei – für eine christliche Pflicht halten. Vor allem aber gibt es von Leuten geschrieben, die nie einen Krieg erlebt haben, die Propagandabroschüren der Bundeswehr, die so tun, als handele es sich bei einem modernen Krieg um ein Abenteuer, so recht für gesunde Jungens ausgedacht. Dabei ist jeder Krieg, auch ohne den Einsatz atomarer Massenvernichtungsmittel, nichts als ein sinnloses Gemetzel. Er trieft von Blut, er stinkt. Vor allem aber: er ist der organisierte Wahnsinn.

Deshalb habe ich meine Bedenken überwunden und weise auf dieses Buch hier auf den Jugendliteraturseiten der ZEIT hin. An sich gehört es in die Hände der sogenannten Erwachsenen. Aber vielleicht können Söhne und Töchter, nachdem sie diesen entsetzlichen Bericht gelesen haben, ihre Eltern fragen, was sie gegen den denkbaren Wahnsinn eines nächsten Krieges tun. Und vielleicht schärft es auch die Gewissen derer, die wehrpflichtig sind, bei der Entscheidung, ob sie die Uniform anziehen oder zivilen Ersatzdienst leisten wollen. Wir kennen keinen Heiligen Krieg, auch wenn noch auf den Koppelschlössern der Soldaten von 1914 das frevelhafte Wort "Gott mit uns" stand. Aber Minen kennen wir auch, verglühende Panzer, Flammenwerfer und jede An von Bomben und die Lüge, daß alles dieses zu rechtfertigen sei. Heinrich Albertz

Freidoune Sahebjam:

Ich habe keine Tränen mehr Rowohlt Verlag, Reinbek, rororo aktuell, 216 S., 12,80 DM

LUCHS 23 wurde unter drei Titeln ausgewählt. Thema: Krieg, Frieden, Widerstand.