Wer Ende vergangener Woche schwitzend in einem der Plastiksitze auf bundesdeutschen Flughäfen oder gar schon angeschnallt im Jet auf den – wie fast schon üblich – stundenlang verspäteten Abflug wartete, durfte aus groß aufgemachten Zeitungsmeldungen Trost und Hoffnung schöpfen: "Militär gibt Luftraum für Zivilflieger frei"; "Urlauber profitieren"; "Scholz und Warnke einig". Die beiden Herren, zuständig für Verteidigung und Verkehr, wollen etwas gegen die chaotischen Zustände im Luftverkehr über der Bundesrepublik unternehmen, die den Ruf der ganzen Branche ramponieren.

Mit einem Vier-Punkte-Programm füllten die Minister das Loch der an Schlagzeilen armen Sommerzeit. Bei der Lektüre lernt der Fluggast, daß er künftig vor allem den Herren der Luftwaffe und ihrem Oberbefehlshaber Scholz einiges zu danken haben wird. Die Militärflieger öffnen nämlich generös eine "Entlastungsluftstraße" mitten durch ihr angestammtes Revier entlang der deutsch-holländischen Grenze. Damit, verkündeten die Minister, können schon ab Mitte August bis zu sechs Flüge aus Frankfurt Richtung Nordatlantik starten, ohne durch den überfüllten südenglischen Luftraum fliegen zu müssen.

Auch in die anderen bisher gehüteten Übungsgebiete der Luftwaffe konnte Minister Warnke für seine Luftverkehrsklientel, so scheint es, einige wertvolle Schneisen schlagen. Nahe des notorisch an der Grenze des Kollaps lavierenden Flughafens München-Riem zum Beispiel verzichten die Militärflieger auf einen ihrer Luftzipfel, der bisher die zivilen Anflüge behinderte. Alle anderen über Süddeutschland wie riesige Glaskästen aufgehängten Übungsräume (TRA – temporary reserved airspace) dürfen nach dem Willen derMinister künftig von den bis zu 1500 Ziviljets täglich direkt durchflogen werden; Umwege wie bisher sind nicht mehr nötig. Schließlich, so das letzte Zugeständnis von Scholz, sollen elektronische Vermessungsflüge der Luftwaffe nur noch in verkehrsarmen Zeiten durchgeführt werden.

Der Laie staunt. Da haben sich, selten genug, zwei Ressortminister zum Wohle des Ganzen geeinigt. Entwirrung des Chaos in der Luft und Linderung der Wartequalen, so suggeriert das Papier, sind schon für August in Sicht. Die Fachleute sehen das anders. "Ein bißchen hilft es vielleicht der Fliegerei, am meisten aber wohl dem Image der Minister", meint Flugkapitän Horst Gehlen von der Vereinigung Cockpit. Die großen Probleme, schon seit Jahren von der Politik verschlafen, wurden gar nicht erst angegangen: veraltete Technik der deutschen Flugsicherung; mangelnde Zusammenarbeit zwischen Zivil- und Militärlotsen; unterbezahlte, unmotivierte und durch ein unpassendes Beamtenkorsett frustrierte Controller, denen es zudem an Nachwuchs fehlt.

Während der Luftverkehr in Europa mit zweistelligen Raten zunimmt und sich die Fluglinien auf eine drastische Liberalisierung des Luftverkehrs vorbereiten, ist eine sinnvolle, gemeinsame Flugsicherung für Europa noch in weiter Ferne. Eurocontrol, einst eine große Idee, vegetiert als Torso mit nur einer Kontrollstation im holländischen Maastricht dahin.

Ralf Riedle, Vorsitzender des deutschen Fluglotsenverbandes, hält den Kompromiß der Minister für einen gelungenen Pressecoup. "In der Praxis wird davon kaum etwas zu merken sein, da werden wir wie bisher für jeden Flug durch die Sperrgebiete eine Sondergenehmigung benötigen, mit umständlichen Absprachen. Und den Zipfel, den wir im Anflug auf München geschenkt bekommen, hängen sich die Militärs am anderen Ende ihres Übungsgebietes wieder dran. Da stört ergenauso, doch davon haben die Minister nichts erwähnt." Riedles Urteil über den vielgelobten Vorstoß des Duos Warnke und Scholz: "Das ist wie mit dem Parfüm – Riesenpackung, aber kaum etwas drin." Burkhard Kieker