Von Jiři Kosta

Zwanzig Jahre sind seit dem Prager Frühling vergangen, einem Ereignis, das nicht zuletzt mit dem Versuch verbunden war, ein alternatives Wirtschaftssystem einzuführen. Welche Ideen lagen der tschechoslowakischen Wirtschaftsreform der sechziger Jahre zugrunde? Sind ähnliche Ansätze in Gorbatschows Perestrojka und in Reformkonzepten anderer Ostblockländer wiederzufinden? Diese Fragen sind um so aktueller, als die heutigen Prager Machthaber behaupten, die Reformer um den Wirtschaftsminister von 1968, Ota Šik, hätten – im Gegensatz zu den Protagonisten der sowjetischen Umgestaltung – einen ungezügelten Markt und damit kapitalistische Verhältnisse anvisiert.

Zur Prager Wirtschaftsreform von 1968 gibt es bislang in der Sowjetunion keine öffentlichen Stellungnahmen. Mit am meisten umstritten in den Reformdiskussionen der vergangenen drei Jahrzehnte war das Verhältnis von Plan und Markt. Nicht ein totaler Verzicht auf Planung, sondern völlig andersartige Planungsformen und Planinhalte als zuvor kennzeichneten das Konzept der tschechoslowakischen Reformökonomen. Anstelle detaillierter Vorgaben für die Betriebe über Gütermenge und -sortiment, Arbeitskräfte, und Materialeinsatz sollte der Volkswirtschaftsplan die großen Entwicklungslinien aufzeigen, wie etwa Wachstum und Struktur des Sozialprodukts, strukturbestimmende Investitionen, Entwicklung der Infrastruktur und die regionale Ausrichtung in der Außenwirtschaft. Auch die Aufteilung des Nationalprodukts in privaten Konsum, öffentlichen Verbrauch, Export und Investitionen war vorauszuplanen. Die volkswirtschaftlichen Sollgrößen waren nicht mehr auf einzelne Betriebe aufzuschlüsseln. Anstatt auf Weisungen sollte sich die staatliche Planung auf indirekte, also wirtschaftspolitische Instrumente stützen.

Auch die Planinhalte versuchten die Prager Reformer zu ändern: Anstelle extrem hoher Wachstumsraten aufgrund "extensiven" Ressourceneinsatzes wurde ein moderates Wachstum durch effizienteren Faktoreneinsatz ("intensiver Wachstumspfad") angestrebt. Vorrang sollte nicht mehr die Schwerindustrie, sondern Konsumgüter- und Nahrungsmittelerzeugung genießen. Außerdem hielten die Reformer eine Öffnung der Volkswirtschaft nach außen für unumgänglich, jedoch kein Ausscheren aus dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW).

Das Bindeglied zwischen Plan und Markt sollten wirtschaftspolitische Instrumente ("ökonomische Regulatoren") bilden. Dabei ging es einerseits um Wachstums- und Strukturpolitik mit Hilfe von direkter (administrativer) und indirekter (monetärer) Investitionslenkung. Andererseits – und hier lag das entscheidende Neue – enthielt das Plan-Markt-Modell ein komplexes Gefüge von Spielregeln, Institutionen und Instrumenten auf den Gebieten der Einkommens-, Preis-, Kredit-, Steuer- und Wechselkurspolitik.

Um die Vorzüge des Marktmechanismus voll nutzen zu können, war eine organisatorische und finanzielle Abnabelung der Unternehmen vom Staatshaushalt vorgesehen. Vielleicht allzuspät – erst 1968 – wurde eine Entflechtung der alten Branchenmonopole vorbereitet – und, wie viele andere Reformen, wegen des Einmarschs nicht mehr realisiert. Der Gruppe um Ota Šik war klar, daß ein Anbieterwettbewerb zu den entscheidenden Voraussetzungen eines funktionierenden Marktes zählt. Ebenso unumstritten war das allerdings nicht sofort erreichbare Ziel einer freien Marktpreisbildung.

Ein weiteres konstitutives Element der Marktsteuerung – das Rentabilitätsprinzip – war von den Reformern unter dem Einfluß des jugoslawischen Systems in etwas abgewandelter Form konzipiert worden. Ertragsabhängig waren die vom Betrieb zu nutzenden Mittel für individuelle Prämien, kollektive Wohlfahrtszwecke und für Investitionen.