Kein Fall von Sommertheater, aber bestimmt ein Fall von Alle-Jahre-wieder-Krach, der allerdings in den letzten Wochen losbrach wie nie zuvor. In Offenburg, Darmstadt, Hamburg und Wien streitet man sich um und mit Alfred Hrdlicka. Die Kontroversen um den vor sechzig Jahren in Wien geborenen Künstler laufen immer nach dem gleichen Muster ab – aber gerade deshalb wird an ihnen auch etwas über den einzelnen Fall hinaus sichtbar.

Fall eins: in Offenburg im Breisgau, im Jahr 1847 Ausgangspunkt der badischen Revolution, will man sich ein 48er Denkmal leisten und möchte den Auftrag an Alfred Hrdlicka geben, der seinerseits eine monumental geballte Faust als Mahnmal für die Opfer des Aufstands anbietet. Gegen diese Faust, vor Jahren schon einmal in Kiel als Denkmal für den Matrosenaufstand von 1918 abgelehnt, opponiert die CDU, die darin eine Verharmlosung von Gewalt sieht.

Fall zwei: für das in Darmstadt, dem Geburtsort von Georg Büchner, neu gebaute Justizgebäude des Landes Hessen soll Hrdlicka eine Büste des Sozialrevolutionärs und Dichters sowie zwölf Illustrationen zu seinem Werk schaffen. Eine erste Vorstellung der graphischen Arbeiten, unter anderem der Vergewaltigungsszene aus dem "Woyzeck", erregte Anstoß. Nun will man Hrdlicka ans Museum loswerden.

Fall drei: das vierteilige Hamburger Anti-Kriegsdenkmal, in Nachbarschaft und im Widerspruch zu einem 1936 eingeweihten Soldaten-Ehrenmal konzipiert, steht erst zur Hälfte. Seit Ende 1986 wartet man auf die Fertigstellung des Denkmals, aber Hrdlicka forderte plötzlich über die bereits gezahlten 874 500 Mark eine schlichte Million zusätzlich.

Fall vier: ein Denkmal gegen "Faschismus und Krieg" gab die Stadt Wien 1985 bei Hrdlicka in Auftrag, obwohl hier bereits 1967 eine Büste des ehemaligen Bundespräsidenten Renner den Volks- und Pressezorn erregt hatte. Und nun die Empörung über den Nestbeschmutzer und Waldheim-Gegner, der am Albertina-Platz ein großes Tor und einen Juden, der auf Knien mit einer Zahnbürste die Straße säubern muß; plazieren will.

"Ich habe keine Visionen; ich lese Zeitung" hat Alfred Hrdlicka einmal gesagt, als er über seine Arbeit gefragt wurde; und von Elias Canetti, zu dessen "Masse und Macht" er acht Radierungen gemacht hat, stammt die Feststellung: "Hrdlicka bewegt sich im Bereich der Gewalt wie ein Fisch im Wasser." Besonders in seinen Radier-Zyklen, die wohl der bedeutendste Teil seines Werkes sind, hat Hrdlicka immer wieder das Panorama von Gewalt und Zerstörung lustvoll ausgebreitet, seinen Kommentar zu den alltäglichen Greueltaten von heute und gestern formuliert. "Ich bin gegen die Auslegbarkeit der Kunst", auch dieser Satz stammt vom Realisten Hrdlicka, der die Abstraktion haßt. Sein Engels-Denkmal in Wuppertal (auch hier gab’s einen großen Krach wegen nachträglicher Finanzforderungen des Künstlers) zeigt ein aus einem zwölf Tonnen schweren Carraramarmor gehauenes Geknäuel von Armen, Beinen und Ketten. Sein (halbes) Hamburger Denkmal, eine unselige Mischung aus Marmor und Bronze, Flammentod und Untergang in photorealistischer Deutlichkeit.

Kann man, soll man heute noch Denkmäler aufstellen? Mit dem Anti-Pathos des Pathetikers schafft Alfred Hrdlicka seine Anstoß erregenden Gegen-Denkmäler. Das ist politisch sehr ehrenwert – aber deshalb noch kein bedeutender Beitrag zur zeitgenössischen Skulptur. Die Provokation bleibt im Inhaltlichen stecken – die Empörten reagieren wie Pawlowsche Hunde. Den Gedanken, das Opfer als Opfer darzustellen und nicht als Helden, glaubt Hrdlicka bis ins Äußerste zu treiben. Aber wo der vom Krieg psychisch zerstörte Wilhelm Lehmbruck mit seiner Skulptur "Der Gestürzte" (1915) den Opfern aller Kriege und Systeme ein Denkmal gesetzt hat, ohne je ein Denkmal im Sinn zu haben, da will Hrdlicka Pathos und Kolportage im Monument zusammenzwingen. Und bleibt in der schrecklichen Anekdote hängen. Petra Kipphoff