ARD, Sonntag, 7. August, 13 Uhr 45: "Irland 88 – Begegnungen mit irischen Jugendlichen und ihrer Musik" von Claus Bredenbrock

Humorvoll, romantisch; ohne Arbeit" – mit diesen Attributen bedachte unlängst Dublins Sunday Tribune die irische Jugend. Oder wie es die Pogues, eine irische Folk-Punk-Band mit Wohnsitz in London, in der Pop-Hymne "Thousands Are Sailing" sagen: Man wandert aus, auf irgendeinem Seelenverkäufer, dorthin, wo die Hand der unbegrenzten Möglichkeiten Lose in der Lotterie des Schicksals zieht.

Die Metaphern des Aufbruchs und der lakonische Sarkasmus passen gut in das touristisch verklärte Bild von der grünen Insel, in den Irland-Mythos wollpulloveriger Alternativ-Urlauber, die in Motorbooten durch regengrüne Romantik treiben und später mit kerniger Bewunderung von den Kaminabenden in whiskydurchtränkten Dublin-Pubs schwärmen, wo trinkfeste Rebellen davon erzählen, wie sie es den Engländern besorgen werden.

Claus Bredenbrock läßt in seinem Fernseh-Feature andere Stimmen zu Wort kommen. So erzählt zum Beispiel Pogues-Songschreiber Phil Chevron, daß 40 000 junge Iren jährlich die 3,5 Millionen-Republik verlassen, die meisten, weil sie keine Arbeit finden. Wer keine wohlhabenden Eltern hat, dem bleiben im wesentlichen die Ghetto-Alternativen: Stehlen, Profi-Sportler werden (und dann auch auswandern) oder Musik verkaufen.

Etwa die Hälfte der Rest-Iren ist unter 24 und weiß anscheinend nicht recht, wie sie im europäischen Zeittakt mitschwingen soll und gleichzeitig irische Identität bewahren kann. Die beiden weiblichen Pop-Stars Sinead O’Connor und Mary Coughlan beschreiben das "liebe Irland" (Slogan des Fremdenverkehrsbüros) als rückständig, katholisch und frauenfeindlich, mit einer Präsenz der Kirche, wie man sie sich im südlichsten Europa nicht bedrückender vorstellen kann. Verhütungsmittel (und erst recht Abtreibungen) sind verboten; ein Referendum, das endlich Ehescheidungen legalisieren sollte, ist vor kurzem unter dem Protestgeschrei des Klerus abgeschmettert worden. Mary Coughlan, selbst Mutter von drei Kindern und von ihrem Mann getrennt lebend, macht Songs darüber. "Vor dem Referendum", erzählt sie vor der Kamera, "hat die Kirche den Frauen eingeredet, sie bekämen keine Sozialhilfe für ‚verlassene Frauen‘ mehr, wenn Scheidung erlaubt würde."

Sinn Fein und IRA bestimmen nicht mehr das Denken. "Das sehen wir genau wie ihr: im Fernsehen", sagt eine der Amateur-Schauspielerinnen des Dublin Youth Theatre über den Terror im Norden. Sich durchschlagen ist das beherrschende Thema. Und dabei haben die Iren entdeckt, daß man aus Humor, Romantik, Arbeitslosigkeit und der in Dublin allgegenwärtigen Musik etwas Praktisches machen kann: Geld. Beim Live Aid"-Projekt des Iren Bob Geldorf sammelte kein Land der Welt pro Kopf mehr Pennies und Schillinge für Afrika als Irland. So kam es zur irischen "Self Aid"-Version. Irland Popstars, von U 2 über die Pogues und Van Morrison bis zu Chris de Burgh und den Dubliners, spielten, um mit dem Geld kleine selbstverwaltete Betriebe mit Startkapital zu versorgen.

All die Widersprüche und Brüche verdichten sich in einem Video der Dubliner Band "Stump", das Bredenbrock zeigt: Zum Song "Chaos" wirbelt eine Horde expressionistischer Dada-Piraten durch verwüstete Film-Kulissen. Sehr zynisch, böse, lustig und traurig. Sehr irisch.

Freddie Röckenhaus