In der Einleitung der von ihm edierten Anthologie "Ist Gott ein Taoist?" Suhrkamp st 1214, 12,– DM) klagt Stanislaw Lem: "Schon seit langem gibt es zu viele Bücher auf dieser Welt. Die Situation erinnert an ein kulinarisch so reichhaltiges Restaurant, daß der Gast, bevor er die Speisekarte zu Ende gelesen hat, entweder Hungers stirbt, oder aus dem Menü das erste beste wählt." Anthologien, Lesebücher und Sammelwerke sind häufig schlechte und überflüssige Ergänzungen dieser unendlichen Speisekarte: Allerlei Reste werden mehr oder weniger sinnlos zu faden Gerichten verkocht. Manche Anthologien sind jedoch Wegweiser durch die Speisekarte, Appetithappen, die dem Leser die Qual der Auswahl erleichtern. Lems Auswahl mundet nicht zuletzt deshalb so gut, weil er schlicht das zusammenstellte, "was mir gefallen hat, aus Gründen, die ich nicht restlos erklären könnte". Daß er phantastische Literatur bevorzugt (ohne sich groß mit definitorischen Umständlichkeiten aufzuhalten), verwundert bei Lem natürlich kaum. Wer noch tiefer in diese Gattung einsteigen möchte, dem sei die hervorragende Sammlung phantastischer Geschichten empfohlen, die Franz Rottensteiner unter dem Titel "Die Ermordung des Drachen" vorgelegt hat (Suhrkamp st 1481, 12,– DM; EA 1985): Dino Buzzati, Julio Cortázar, Jorge Luis Borges, Mircea Eliade, Carlos Fuentes, Italo Calvino, Ilse Aichinger, J.D. Ballard, Joyce Carol Oates, Stanislaw Lem und Donald Barthelme – diese Appetithappen sind allesamt vom Feinsten!

Anthologien vesteht Urs Jaeggi "als Fundgrube für neugierige Leser" – was allerdings nicht ausschließt, daß neugierige Leser dort auch jede Menge Überflüssiges finden. Jaeggis Anthologie "Mauersprünge. Besondere Berliner Verkehrsformen" (Rowohlt panther 12256, 9,80 DM ) erscheint mir jedenfalls nach der eben überstandenen Sturzflut von Büchern zum Thema Berlin herzlich überflüssig. Die "panther"-Reihe bei Rowohlt hat in den letzten Jahren regelmäßig Anthologien herausgebracht, in denen vor allem jüngere Autoren mit Erstveröffentlichungen ein Forum hatten. Inzwischen hat man sich offenbar von diesem löblichen Prinzip verabschiedet und setzt, scheinbar risikolos, dafür aber um so langweiliger, aufs Bekannte und Bewährte. Das gilt für Jaeggis Berlin-Sammlung ebenso wie für die von Alice Franck und Christoph Klimke, "Ciao Italien" (Rowohlt panther 12368, 10,80 DM).

"Da lacht die Sonne" nennt Gottlieb Amsel mit einer Art Holzhammerironie die von ihm edierte "Lektüre für Ferien zuhaus und unterwegs" (dtv 10897, 8,80 DM; EA 1986) – aber lacht auch der Leser, wenn er feststellen muß, daß dieses Lesebuch zum Teil daraus besteht, daß schon vorliegende Anthologien und Almanache einfach erneut zusammengeschüttelt wurden? – Zwar hat Lutz-W. Wolff unter dem Titel "Herzenssachen" (dtv 10893, 10,– DM) literarische Liebesgeschichten zusammengestellt, die ausnahmslos lesenswert und von hoher Qualität sind, gleichwohl bleibt dunkel, was der Sinn des ganzen Unternehmens ist. Vielleicht hat der Herausgeber aber auch nur deshalb auf ein Vor- oder Nachwort verzichtet, weil es ja in der Tat keinen Sinn macht, "eine Anthologie zu loben, die man selbst zusammengestellt hat, denn gute Werke brauchen dieses Lob nicht, und schlechten wird es nicht helfen" (Lem).

Sinnvöller kommen mir da schon die Geschichten und Berichte aus zwei Jahrhunderten "Flucht und Exil" vor (insel tb 1070, 16,– DM). Joseph Peter Strelka schlägt mit dieser Edition eine Schneise durch ein Problemfeld, das inzwischen Bibliotheken füllt, immer noch aktuell ist – und dennoch für viele Leser literarische terra incognita blieb. Die Texte spannen einen Bogen von der Klassik bis zum Thema der deutschen Teilung mit seinen Konsequenzen für die Literatur. Gleichfalls sinnvoll sind Anthologien, wenn sie vergessene, abgelegene oder weithin unbekannte Traditionen und Zusammenhänge vorstellen, wie es Friedhelm Kemp in dem Band "Deutsche geistliche Dichtung" macht (dtv 10817, 18,80 DM, EA 1958). Im Zuge von Aufklärung und Säkularisierung hat der poetische Ausdruck von Religiosität ständig an Bedeutung verloren; umso überraschender wirkt heute die formale Vielfalt dieser Tradition, deren Einfluß sich auch, allerdings verändert, in zeitgenössischer Literatur nachweisen ließe.

Nützlich sind auch Querschnitte durch Nationalliteraturen, die hierzulande wenig bekannt sind oder Vorurteilen unterliegen. Die von Rosalenn O’Neill und Peter Nonnenmacher herausgegebenen "Geschichten aus der Geschichte Nordirlands" (Luchterhand SL 704, 16,80 DM) fügen literarische Texte zu Nordirland und zum Nordirland-Konflikt zusammen und setzen diese Geschichten mit der politischen Problematik in Beziehung. Die Herausgeber hoffen, daß nach Lektüre des Bandes niemand "je wieder vom ’Nordirischen Religionskrieg’ und ’Von mittelalterlichen Zuständen’ auf der ‚Grünen Insel‘ reden wird".

Alois Brandstetter hat in dem Band "Österreichische Erzählungen des 20. Jahrhunderts" (dtv 10823, 12,80 DM; EA 1984) von Hofmannsthal bis Handke Geschichten versammelt, die ihm persönlich gefallen. "Das bedeutet, daß ich meinen Geschmack zur Geltung bringe und mich als Juror und Instanz ernst nehme." Ernst nimmt Brandstetter auch den Begriff des "Erzählens" selbst, der in diesen Texten als "ein bedächtiges, oft geradezu geruhsames, immer verläßliches und kultiviertes Geschäft" erscheint, als eine "menschenfreundliche Angelegenheit..."

Ganz und gar nicht geruhsam sind demgegenüber die Texte, die Barbara Alms unter dem Titel "Blauer Streusand" zusammengestellt hat Suhrkamp st 1432, 10,– DM). Es handelt sich um Arbeiten Wiener Autorinnen (Friederike Mayröcker, Elfriede Jelinek u.a.), deren sprachspielerischer und zum Teil radikal-experimenteller Charakter gegen die Bedächtigkeit traditionellen Erzählens rebelliert. Neben den Texten selbst enthält der Band auch Interviews mit den Autorinnen, Photos und Faksimiles, so daß ein lebendiges Bild dieser weiblichen Avantgarde Wiens entsteht.