Von Roland Kirbach

Die Angestellte im Büro der städtischen "Tourist Information" atmet hörbar auf: "Jetzt kommt man als Fußgänger wenigstens mal wieder gefahrlos über die Straße." Jetzt – das sind jene drei Wochen im Jahr, wenn Volkswagen Betriebsferien macht. Von den 65 000 Beschäftigten des Werks arbeitet dann nur eine Notbelegschaft von 5 000, um Reparaturen auszuführen oder zentrale Einrichtungen wie die Werksfeuerwehr oder den Sanitätsdienst aufrechtzuerhalten. Doch der große Rest ist in Urlaub gefahren. Das ist dann die Zeit, da in Wolfsburg fast schon gespenstische Ruhe einkehrt.

"Rund 80 Prozent der arbeitenden Bevölkerung Wolfsburgs sind hier im Werk beschäftigt", sagt Otto Ferdinand Wachs, Pressesprecher bei VW, den es dieses Jahr mit der Stallwache getroffen hat. Vor dem Eingang zur Vorstandsetage, wo er sein Büro hat, versieht nur ein Portier in einer Glaskabine einsam seinen Dienst. Die anderen Büros sind leer.

Auf den Straßen und in den Hallen des siebeneinhalb Quadratkilometer großen Werksgeländes allerdings ist der Teufel los. "Zur Zeit laufen 800 einzelne Baumaßnahmen", sagt Wachs. Zahlreiche "Fremdfirmen" haben sich des Werks bemächtigt, um Arbeiten durchzuführen, die während der laufenden Produktion nicht möglich sind. Zwei "Großstufenpressen" für je 30 Millionen Mark werden in Halle la montiert; zu einer neuen Lagerhalle werden Versorgungsleitungen gelegt; und für die 700 Lastwagen, die täglich das Werk beliefern, wird eine neue Brücke gebaut.

Auch die Stadt nutzt die Werksferien für Reparaturarbeiten. Die vierspurige Braunschweiger Straße erhält für vier Millionen Mark einen neuen Belag. Der alte sei den 39 000 Autos pro Tag nicht mehr gewachsen gewesen. Auch die Heinrich-Nordhoff-Straße wird neu asphaltiert. Und weil man so gut in der Zeit liegt, bekommt auch die Brücke in der Leipziger Straße noch einen neuen Belag aus Spritzbeton. Bis zum Ende der Werksferien, versichert die Stadtverwaltung, seien alle Baumaßnahmen beendet, könne der Verkehr wieder reibungslos fließen. Die Lokalpresse wacht darüber mit Argusaugen; täglich berichtet sie über den Stand irgendwelcher Straßenbaumaßnahmen.

Was Wolfsburg auszeichne, sagt Stadtarchivar Klaus-Jörg Siegfried, sei nun mal das "Konzept der autogerechten Stadt". Anders sei das Verkehrsaufkommen auch gar nicht zu bewältigen. Am schlimmsten ist es bei Schichtwechsel um 14 Uhr. Ohne die vielen breiten Straßen bräche der Verkehr in Wolfsburg zusammen, wenn mit einem Schlag Tausende von Autos die acht riesigen Parkplätze rund ums VW-Werk verlassen und in die Stadt strömen. "Man muß einfach sehen", so Siegfried, "Wolfsburg ist eine Auto-Stadt."

Hier residiert nicht nur Europas größter Autohersteller; hier wird auch am meisten Auto gefahren: Auf jeden zweiten der 130 000 Wolfsburger entfällt statistisch gesehen ein Pkw – eine höhere Verkehrsdichte hat keine andere Stadt der Bundesrepublik. Und es sind immer die neuesten Modelle, natürlich nur von VW, die man auf den Straßen sieht. Spätestens nach einem Jahr werden sie dann samstags auf einem VW-Parkplatz, dem sogenannten. "Schweinemarkt", zum Kauf feilgeboten.