Von Ulrich Stock

Die Schallplatten des Berliner Labels FMP sind schwarz, zwei Millimeter dick und haben einen Durchmesser von dreißig Zentimetern. Die Platten sehen völlig normal aus. Aber sie hören sich völlig unnormal an.

Da Schnorcheln: Posaunen. Da tröten: Saxophone. Da scheppern (weil Nägel hineingestreut sind): Klaviere. Da quietschen (in den entferntesten Obertönen): Kontrabässe. Da machen Gitarren sploinnggg, weil die Saiten mit dem Schraubenzieher statt mit dem Plektron angeschlagen werden.

Gewiß gibt es Rhythmus, manchmal. Gewiß gibt es auch Harmonien, hin und wieder sogar Melodien. Aber nie ertönen Schlager aus diesen Rillen, nie bringen sie ihre Käufer zum Tanzen; wenige Leute kaufen diese Platten überhaupt. Keiner meiner Freunde hat Platten von FMP.

Bei mir dagegen steht mittlerweile ein ganzes Dutzend im Schrank, einige davon sind meine liebsten Schallplatten überhaupt, keine aber darf ich auflegen, wenn Besuch kommt. Um nicht auf ewig allein zu sein mit meiner Leidenschaft, singe ich ihr Lied jetzt in der Zeitung: eine Hymne auf die improvisierte Musik.

Anfang der sechziger Jahre entstand in Amerika der Free Jazz als heiße Erwiderung auf den Cool Jazz der fünfziger. Die neue Stilrichtung zeichnete sich aus durch das Zulassen der Atonalität bis hin zum Geräusch, durch rhythmisch befreites Spiel von ekstatischer, ja orgiastischer Intensität, die vielfach religiös motiviert war. Auch griff der Jazz erstmals in seiner Geschichte die Musik änderer Kontinente bewußt auf.