Der Westen überläßt Gorbatschow das Abrüstungsfeld

Von Theo Sommer

Der Zeitgenosse reibt sich verwundert die Augen. Ist es die Möglichkeit? Da pocht der Westen seit Jahren auf die Notwendigkeit, daß Ost und West schleunigst über einen Abbau der konventionellen Streitkräfte und Rüstungen in Europa verhandeln. Mal um Mal fordert er die Kremlherren zu handfestem Entgegenkommen auf, zu Beweisen guten Willens, zu Abrüstungstaten anstelle von Abrüstungspropaganda. Aber nun, da Michail Gorbatschow das westliche Bündnis mit Vorschlägen förmlich bombardiert, einer konkreter, klarer und vernünftiger als der andere – nun drucksen die Nato-Führer stammelnd und einfallslos herum.

Vor einem Jahr haben sie in Halifax eine hochrangige Arbeitsgruppe eingesetzt, um einen westlichen Gegenvorschlag zu formulieren; "kühne neue Schritte" stellten sie damals in Aussicht. Aber diese Arbeitsgruppe hat sich hoffnungslos im Gestrüpp verheddert; noch nicht einmal den vorgesehenen Zwischenbericht hat sie zuwege gebracht. Im Spätjahr erst will sie ihr Konzept für die konventionelle Abrüstung fertig haben, doch niemanden, der die Schwierigkeit der Materie und die Unterschiedlichkeit der Interessen im westlichen Bündnis kennt, würde es wundernehmen, wenn sie noch bis Mitte 1989 brauchte. Dreist zur Schau getragene Skepsis gegenüber den östlichen Vorschlägen soll offenbar bis dahin die eigene Verlegenheit kaschieren.

Stellt Gorbatschow unverschämte Forderungen? Bramabasiert er nur agitprophaft vor sich hin? Visiert der Osten unter seiner Führung völlig andere Ziele an als der Westen? Mitnichten.

Seit Jahren beklagt die Nato, daß der Reduzierungsraum, um den es in den Wiener MBFR-Verhandlungen geht, die sich seit fast fünfzehn Jahren ergebnislos dahinschleppen, geographisch viel zu eng sei und fordert eine Erweiterung der vorgesehenen Abrüstungszone – "vom Atlantik bis zum Ural". Gorbatschow akzeptiert.

Seit Jahrzehnten prangert der Westen die konventionelle Überlegenheit des Warschauer Paktes an; der Kreml leugnet, daß es sie gibt. Jetzt räumt Gorbatschow ein, daß die Sowjets in bestimmten Gebieten durchaus überlegen sind (wie die Nato in anderen Bereichen). Obendrein erklärt er sich bereit, dem westlichen Verlangen nach asymmetrischen Kürzungen zu entsprechen: "Wer mehr hat, soll auch mehr abbauen."