Eines Tages war das Fräulein tot. Ehe wir alten Männer das noch recht begriffen hatten, gerieten wir in Sprachnöte. Unser "Fräulein Maurer" heißt natürlich im ganzen Krankenhaus "Frau Doktor", obwohl sie weder im althergebrachten Sinne "Frau" noch im akademischen Sinne "Doktor" ist, da sie drei Staatsexamen mit einer Approbation ausreichend findet.

Die ersten Europäer, die Frauen jeden Alters und ohne Rücksicht auf etwaigen Ehestand gleich anredeten, waren, soweit ich das überblicken kann, die Portugiesen. Die Anrede "Senhora Donna" steht den jungen Mädchen ebenso zu wie ihren Müttern. Und darauf folgt, was mir die Portugiesen besonders sympathisch macht, immer der Vorname.

Im Italienischen, Spanischen, Französischen werden die Signorine, Senorite und Mesdemoiselles zwar immer jünger, aber es gibt sie doch immerhin noch.

Kurios zugegangen ist es im Englischen. Als ich in den späten vierziger Jahren zum ersten Mal nach England kam, war meine unvergeßliche Chefin, Professorin an der Universität Cambridge, Frau Eliza Marianne Butler. Aber obwohl sie sich ihrem sechzigsten Lebensjahre näherte, bestand sie darauf, "Miss Butler" angeredet, auch angeschrieben zu werden. "Ms. Butler", dieses aus der amerikanischen Frauenbewegung stammende Unwort, hätte sie unerträglich gefunden. Dafür, daß sie eigentlich nur als Abkürzung schreibbar und kaum sprechbar ist (zur Unterscheidung von der "Miss" verlangt sie nach einem stimmhaften Auslaut), hat sich die "Ms." erstaunlich lange gehalten. In England hat sie allerdings nur unter Intellektuellen Anhängerinnen gefunden.

Der Sturz des Fräuleins ist zu beklagen. Gretchen empfand es noch als zuviel der Ehre, als Argwohn erregende Schmeichelei, wenn Faust es wagte, dem schönen Fräulein Arm und Geleit anzutragen. "Bin weder Fräulein, weder schön ...". Heute können wir allenfalls auf den Tennisplätzen, vor allem in Wimbledon, dem Miss Fräulein noch begegnen. Dort heißt die junge Dame, die unsere Sportreporter plump vertraulich "Steffi" (nach Protesten nun auch "Stephanie") nennen, nach wie vor "Miss Graf", "Fräulein Graf".

Im deutschen Sprachgebiet dürfte, wie in den USA, die Frauenbewegung ein bißchen mitgeholfen haben, das Fräulein zu kippen.

Aber eine viel ältere Sprachentwicklung kam dabei zur Hilfe. Ganz abgesehen davon, daß Diminutive heute immer als hart am Rande des Kitsches empfunden und allenfalls noch sprichwörtlich oder mit Vorliebe ironisch gebraucht werden, verlangt der Trend: Wenn schon klein, dann nicht "lein", sondern "chen". "Zur Sache, Schätzchen" – das geht; aber "Schätzlein", das geht nicht. Kleine Brötchen kann man backen, aber keine Brötlein. Mädchen kann man noch Mädchen nennen, aber gewiß nicht mehr "Mägdelein". Das "Röslein rot" wirkt genauso antiquiert wie das fein "Ringelein". Ein paar "Blümchen", wenn es denn sein muß; ein paar "Blümelein" – nein!

Kennen Sie überhaupt noch ein deutsches Wort, das auf "lein" endet und sich ohne Ironie verwenden läßt? "Mir fällt wirklich keins ein", sagte die junge Frau Doktor und riskierte dann einen Kalauer, "höchstens sky-line". Leo