Sie verkörpert die permanente Krise: Ruth, Mittvierzigerin, noch im Krieg geboren und damit rund eine Dekade älter als die 1953 in Oberösterreich geborene Autorin Elisabeth Reichart, die ihr die Klagestimme leiht.

Ruth und doch nicht Ruth. Zu erfahren, daß die Mutter, eine Nazi-Kollaborateurin auf der Flucht vor der Vergangenheit, sie umbenannt hat, ist nur die letzte Station ihres Kreuzwegs. Ruth hat dabei die Sprache praktisch eingebüßt. Sie hat ihren verlogenen Mann verstoßen. Mit zwei neuen Bekanntschaften will es nicht klappen. Eine Freundin hat Selbstmord begangen. Die andere vegetiert in der Psychiatrie dahin. Die männlichen Kollegen an der Schule, wo sie als Aushilfslehrerin arbeitet, sind angepaßte Widerlinge. Und dann plagt sie noch diese scheußliche Mundentzündung. "Warum darf ich nicht glücklich sein", fragt Ruth. "Seit wann ist dieses Gebot gültig? Sie fand keine Antwort. Die Stille in ihr war unerträglich."

Elisabeth Reicharts zweites Buch "Komm über den See" entlehnt seinen Titel einem Gedicht von Sarah Kirsch. Auch sonst ist alles geborgt, zumindest indirekt. Tausendmal Gedachtes, Gefühltes, Beobachtetes. Die Autorin träumt und assoziiert ein bißchen, arbeitet ein wenig mit Montagetechnik. Das sieht schließlich aus wie Gegenwartsliteratur – und ist von vorgestern.

Es schmückt sich mit der Bezeichnung Erzählung – und hat nichts zu erzählen, was drei sprachliche Untugenden kaschieren. Lange Infinitivreihungen statt schlichter Aussagesätze laden Banalitäten mit einer unerträglichen Bedeutung auf. Und wenn die Autorin einfache Sätze formuliert, kettet sie diese oft in unübersichtlichen Kommamonstren aneinander, die zum Hinweghuschen über die Dürftigkeiten verleiten. Stünde da jeweils ein Punkt, man entdeckte sie sofort. Am enervierendsten freilich ist ihr Wiederholungsfimmel. Er erzeugt einen künstlichen Sog. Reine Rhetorik, Stil als Manier. Sie hangelt sich von Halbsatz zu Halbsatz, hangelt sich mühselig weiter, nimmt die eigenen Vorgaben auf, nimmt sie auf und führt sie fort, führt sie ohne Ziel, jedoch sehr eindringlich, mit einer Eindringlichkeit, die das Auf-der-Stelle-Treten des krisengeschüttelten menschlichen Daseins kunstvoll versinnbildlicht.

"Wir muten uns so leichtfertig anderen zu und halten uns doch selber kaum aus", heißt der schönste Satz des Buches. Man kann ihn als boshaften Selbstkommentar lesen. Wie jemand die Notwendigkeit verspürt, nichts zu erzählen und diesem Unternehmen eine Menge Lebenszeit opfert und Schreibtischschweiß (ja, den hat es die Dichterin gekostet); und daß einen dabei die Achtung vor schon geschriebener Literatur offenbar so gar nicht entmutigt – darin liegt auch ein ernsthaftes Rätsel. Gregor Dotzauer

  • Elisabeth Reichart:

Komm über den See

Erzählung; Fischer Verlag, Frankfurt 1988; 188 S., 18,80 DM