Die Gefahr kommt nicht erst von den Computern und ihren unsäglichen Schriften, es gibt sie seit hundert Jahren: die Bedrohung der Schrift und des Schreibens. Hinzu kommen die "absolute Unkenntnis des Problems" bei unseren Kultusministern, das heißt die Teilnahmslosigkeit unserer Lehrer-Ausbildungsstätten. Also bleibt es dabei: Die vier Grundschuljahre sind die einzigen, in denen der Mensch bei uns im Schreiben unterwiesen wird, und da lernt er obendrein, wie der Fachmann spottet, nur die "minderwertigen Figuren der lateinischen Ausgangsschrift und der Vereinfachten Ausgangsschrift". So hat der Abiturient von der Entwicklung abendländischen Schreibens keine blasse Ahnung, schlimmer, er hat niemals etwas von der Qualität, geschweige vom ästhetischen Qualitätsverlust des Schreibens und der Schriften gehört; und so geschieht es denn, daß selbst Graphik-Designer auf die "Schriftmonstren von unglaublicher Häßlichkeit in Unzahl", die die Schriftmusterbücher bevölkern, hereinfallen und den Geschmack ihrer Leser immer weiter verderben.

In so starke Worte bricht der Schrift- und Buchkünstler Martin Andersch in einem Buch aus, dessen phantastischen Erfindungen, nein Findungen sein Publikum betört. Es bietet dar, was der 1921 in München geborene Professor seinen Hochschülern in Hamburg herausfordernd abverlangt hat. Es ist ein wundersames Kaleidoskop, dessen auffordernden Charakter man gar nicht übersehen kann. Es enthält nur Arbeiten von Schülern. Man sieht, wie sie erst einmal aus der Reserve gelockt wurden, wie sie mit Werkzeugen der seltsamsten Art, mit Grashalm, Schilfrohr, Vogelfeder, Glasscherbe, Hölzchen und Muschel, mit Büroklammern, Streichhölzern, Nägeln oder Schnüren Buchstaben und Zeilen auf grobes Papier schreiben, nichts als abstrakte Zeichen ihrer künstlerischen Phantasie, deren einzige Bedeutung ihre Form, ihr Bild, ihre Komposition, und deren alleiniger Sinn nichts als Bewegung, Rhythmus, Dichte, Schriftstärke ist. Verblüfft erliegt man der abenteuerlichen Schönheit dieser eleganten, explosiven, schwungvollen, versonnenen Buchstaben- und Schrift-"Bilder". Man sieht in den folgenden Kapiteln weiter, wie sie sich zuerst die humanistische Kursivschrift, dann die unübertrefflichen römischen Schriften erobern, weiter die klassizistische Antiqua, schließlich gotische, Fraktur-, Jugendstilschriften, und wie sie bei alledem versuchen, Schrift, genauer: auch Inhalt und Phonetik von Wörtern, Wendungen, Sätzen, Texten darzustellen. Beinahe erübrigt es sich anzumerken, daß dieses Buch nicht nur ganz ungewöhnlich, sondern ungewöhnlich schön gemacht ist – ein Gegenstand der Bibliophilie, kurzum: der Unterrichtung und des Genusses. Man lustwandelt, gewissermaßen, wie es eine Kapitelüberschrift verheißt, "in den Gärten der Anmut", Manfred Sack

  • Martin Andersch: Spuren, Zeichen, Buchstaben

Über das Schreiben von Schrift, das Experimentieren mit Alphabeten und das Interpretieren von Texten. Otto Maier Verlag, Regensburg 1988; 256 S., Abb., 136,– DM