Fehlen dem designierten Präsidentschaftskandidaten Überzeugungen und Führungswille?

Von Ulrich Schiller

Washington, im August

Wenn Amerikas Finanzminister seinen Posten an den Nagel hängt, um den Wahlkampf des Freundes George Bush auf Schwung zu bringen, dann muß er wichtige Gründe haben. James Baker steht nicht im Verdacht, eine neue Wendung in seiner eigenen Karriere vorbereiten zu wollen, denn was es für ihn im Zentrum der Macht unterhalb von Präsidentschaft und Vizepräsidentschaft an Herausforderungen gab, das kann er als ehemaliger Stabschef im Weißen Haus und als US-Finanzminister von internationaler Geltung in schönem Erfolgsbewußtsein abhaken. Was Baker jetzt an die Seite des kandidierenden Vizepräsidenten treibt, ist die Sorge, die Republikaner könnten das Weiße Haus verlieren.

Wie ernst die Lage ist, beweisen die Witze und Anekdoten, die fleißig auf Kosten von George Bush gemacht werden. Zwei Beispiele: "Warum kann Bush nicht den Senator Dole zum Vizepräsidentschaftskandidaten machen?" Antwort: "Weil er dann selbst nur wieder Vize bliebe." Oder: "Warum wäre Jeane Kirkpatrick (die resolute ehemalige UN-Botschafterin) die beste Wahl für die Vizepräsidentschaftskandidatur?" Antwort: "Weil sie dem Ticket das mangelnde Macho-Image brächte."

Es steht nicht gut um den Griff des George Herbert Walker Bush nach der Präsidentschaft. Um 17 Punkte liegt er nach jüngsten Befragungen in der Volksgunst hinter Michael Dukakis zurück (50:33). Das ist zwar kein Todesurteil für den Wahlkampf des amerikanischen Vizepräsidenten, der von jetzt an nur noch die protokollarischen Pflichten seines Amtes erfüllen will, denn der republikanische Parteikonvent nächste Woche könnte Bush mit all dem Pomp und den Paukenschlägen der Nominierung den ersehnten Aufwind bringen; aber mit seiner schnodderigen Bemerkung – "Die Punktunterschiede scheren mich einen feuchten Kehricht" – ist der schlechte Stand auf dem Popularitätsbarometer nicht wegzudrücken. Im Gegensatz zu seinem Stellvertreter hatte Ronald Reagan für Wahlkämpfe immer das richtige Gespür.

"Where was George?"