Auf dem Weg ins Büro komme ich mir jeden Tag vor wie in einer Geisterstadt", beklagt sich der texanische Rechtsanwalt E. William Brighton. Der 34jährige Harvard-Absolvent betritt morgens gegen halb neun die Eingangshalle eines 72 Stockwerke hohen Wolkenkratzers in Dallas, der allerdings fast völlig leer steht. Auf der neunten Etage hatte Brighton zusammen mit drei Studienkollegen vor fünf Jahren eine Anwaltspraxis gegründet.

Die vier Junganwälte mieteten damals eine halbe Etage mit sechs Büroräumen und hofften, auf diesem Wege Kontakt zur Elite der texanischen Bankenwelt herstellen zu können. Das Gebäude gehörte nämlich der Großbank Inter-First, die acht Stockwerke vermietete. Im vergangenen Jahr schloß sich dann Inter-First mit der Republic Bank zusammen, und aus der Elefantenhochzeit der beiden erbitterten Rivalen ging dann die First Republic of Dallas, das größte texanische Kreditinstitut, hervor.

Die Rechnung der Harvard-Absolventen schien tatsächlich aufzugehen. Wenige Wochen nach ihrem Einzug kamen schon die ersten Aufträge. In der Zwischenzeit hat sich die Lage aber drastisch verschlechten: Die größte texanische Bank hat sich aus dem 160 Meter hohen Glaspalast zurückgezogen. Das Gebäude gehört jetzt der staatlichen Einlagenversicherung, der Federal Deposit In su rance Corporation (FDIC). Die First Republic of Dallas hat nämlich im März dieses Jahres Konkurs angemeldet, und die fünfmonatigen Verhandlungen mit der FDIC gipfelten vorletzte Woche in der kostspieligsten Rettungsaktion der amerikanischen Bankengeschichte. Die staatliche Auffanggesellschaft wird etwa 4,2 Milliarden Dollar bereitstellen müssen, um Kunden der First Republic zu entschädigen.

Die FDIC wurde 1933 gegründet. Weil die FDIC vor allem dem Schutz der kleinen und mittleren Anleger dient, haftet die Versicherung auch nur für Einlagen bis zu einer Höhe von 100 000 Dollar. Wer einem maroden Geldinstitut höhere Beträge anvertraut, bekommt im Pleitefall aus Washington nur eine freundliche Absage. Um die Gläubiger der First Republic zu befriedigen, wird die FDIC dennoch fast ein Viertel ihres 1988er Etats lockermachen müssen.

Vor zwei Jahren hatte die Versicherung noch einen Überschuß, und in Washington war sogar die Rede davon, daß die Beiträge, die mehr als 13 000 Mitgliedsbanken zahlen, vermindert werden könnten. In diesem Jahr wird die FDIC aber ein Defizit von etwa dreizehn Milliarden Dollar ausweisen.

Ein überproportionaler Teil der FDIC-Ausgaben fließt nach Texas, wo seit Anfang 1987 durchschnittlich eine Bank pro Woche in Konkurs gegangen ist.

Bis 1978 wurden im "Lone Star State" nur denjenigen Antragstellern eine Bankkonzession gewährt, die einen "Marktbedarf" nachweisen konnten. Die Bankenaufsichtsbehörde entschloß sich dann aber, auch das Kreditgewerbe dem freien Spiel der Marktkräfte zu überlassen und die bürokratischen Zügel zu lockern. Eigenkapitalerfordernisse wurden merklich gelockert, und "es konnte jeder", sagt ein FDIC-Beamter lakonisch, "der ein paar tausend Dollar in der Tasche hatte und schon immer Bankier werden wollte, seinen Traum erfüllen". Bald war der drittgrößte amerikanische Bundesstaat von einem dichten Bankennetz überzogen. In Texas sind nun mehr als die Hälfte der bundesweit 15 000 Banken beheimatet. Im Sog des Ölbooms blühte die Konjunktur auf, und die zunehmende Attraktivität des Unternehmensstandorts Texas trieb vor allem die Immobilienpreise in die Höhe. Hiermit wurde aber gleichzeitig der Grundstein für das Debakel der vergangenen Jahre gelegt. Seit 1978 wurde fast die Hälfte der Kredite Öl- und Immobilienspekulanten gewährt. Als die Ölpreise wieder fielen, kam für viele ein böses Erwachen. Kleinere Ölunternehmen strichen in den darauffolgenden Jahren reihenweise die Segel, und die Banken mußten Kreditforderungen in Milliardenhöhe abschreiben.