Von Sibylle Mulot-Deri

Donnerstag nachmittag. Gerade habe ich etwas in der ZEIT gelesen. Ein Antiquariat in Schleswig hat sich auf Emigration spezialisiert und einen Katalog mit 5000 Titeln herausgegeben – einmalig in Deutschland. Ich muß ihn haben. Möglichst schnell. Am liebsten gleich. Anruf bei der Auskunft. Dreisdorf? Dreisdorf bei Husum? Ich habe hier eins bei Bredstedt, sagt ein freundlicher junger Mann, ist es das? Ich wühle im Diercke Weltatlas, 109. Auflage. Allzuoft hat mich die Auskunft an diesem Punkt des Gesprächs schon abgehängt. Dreisdorf bei Bredstedt bei Husum, jawohl. Und der Teilnehmer heißt Büchergarten. Büchergarten? Büchergarten.

Leise klickt und klappert der Computer. Tut mir leid, sagt der junge Mann freundlich, ich habe aber nichts unter Büchergarten. Vielleicht unter einem anderen Namen? Ich lasse den Diercke fallen und hole den Artikel wieder hervor. Borski. Die Antiquare heißen Borski. Borski? Borski.

Tut mir leid, sagt der junge Mann, ich habe hier auch nichts unter Borski. Sind Sie sicher, daß es dieses Dreisdorf ist? Ganz sicher, sage ich unsicher. Hier steht doch: Dreisdorf bei Husum. Glauben Sie, es gibt zwei Dreisdorfs bei Husum? In meinem Diercke ist nur eins. Der junge Mann seufzt. Genau wie ich sitzt er am Rand der Schwäbischen Alb. Was wissen wir hier schon über das moderne Husum?

Ich schau’ jetzt mal unter Antiquariat, sagt der junge Mann sehr vernünftig. Oder unter Buchhandlung, fällt mir noch ein. Weder – noch. Aber ich habe doch hier sogar ein Photo, sage ich ratlos. Herr und Frau Borski schauen aus ihrem Scheunentor, und auf dem Scheunentor steht "Büchergarten". Riesiges Scheunentor übrigens. Achtzigtausend Bücher und ein Artikel in der ZEIT und dann kein Telephon? Sehr merkwürdig.

Der junge Mann findet das auch. Schon nimmt das Gespräch eine Wendung ins Philosophische – da plötzlich ein amorpher Ausruf des Staunens – aber das ist doch – also, also – also das ist doch – aber so findet man es ja nie, sagt der junge Mann mit Abgrund in der Stimme. Da ist ja das "ü" weg, der "Büchergarten" ein "Bchergarten" – praktisch unfindbar, glauben Sie mir. So wie er das sagt, glaube ich ihm. Es ist ein sehr netter junger Mann, und er gibt noch weitere fünf Minuten ungläubige kleine Ausrufe von sich. Dann wird er sehr geschäftig. Die müssen das sofort berichtigen lassen, sagt er. Buchverlagsstelle in Flensburg. Hier die Nummer. Sofort anrufen. Sonst findet man die nie, niemand. Es war ein großer Zufall.

Donnerstag abend sechs Uhr. Ich bin die einzige ZEIT-Leserin, die die Telephonnummer vom Büchergarten in Dreisdorf bei Bredstedt bei Husum hat. Ha! Fünftausend Emigranten-Titel alle für mich. Aber es gibt Privilegien, die einen nicht wirklich erfreuen. Was soll ich mit fünftausend Büchern? Ich rufe das Ehepaar Borski an und erzähle vom netten jungen Mann und seinem Fund. Blöderweise weiß ich seinen Namen nicht. Ein anomymer Held der Auskunft.