West-Berlin

Zu den wohl eigentümlichsten Stellen Berlins gehören die innerstädtischen Sandwüsten. Sie liegen im ganzen Stadtgebiet verstreut, nicht nur unmittelbar an der Mauer. Irgendwann waren sie bebaut, dann wurden Wohnhäuser und Industrieanlagen abgerissen, und nun liegen sie brach: Der märkische Sandboden blickt nackt und trostlos in den Himmel.

Der Regierende Bürgermeister Diepgen bezeichnete diese Flächen vor Journalisten einmal als Schandflecken im Stadtbild, die es zu beseitigen gelte. Was er nicht wußte: Schon sein Vorgänger Friedrich Wilhelm I. ließ genaue Listen solcher innerstädtischen Sandwüsten anfertigen, um sie "zwecks Besiedelung bestimmten Personen zuweisen zu können".

Die wohl größte Sandwüste Berlins ist heute der Potsdamer Platz, den jener Friedrich Wilhelm I. vor 247 Jahren anlegen ließ. Bis 1945 war er der verkehrsreichste Platz Europas. Schon 1924 mußte man eine Ampelanlage installieren – die erste in Deutschland – nur so konnte man dem unablässigen Verkehr Herr werden. Unter der Ampelanlage die große Normaluhr, Symbol des hektischen Großstadtlebens, in dem die Zeit so schnell verrinnt ... Heute ist dort der Todesstreifen hinter der Mauer, fein säuberlich geharkt, um jede menschliche Fußspur erkennbar zu machen.

Mittendrin, im Visier der Volkspolizei, liegt ein dunkler Quader: er ist, was kaum jemand weiß, der Sockel eines Denkmals für Karl Liebknecht. An dieser Stelle wurde der Sozialist und Arbeiterführer am 1. Mai 1916 verhaftet. Er hatte noch "Nieder mit dem Krieg" gerufen, dann verschwand er für zweieinhalb Jahre hinter Gittern.

Beim Landesdenkmalamt ist das Podest "nicht bekannt", nichts bekannt ist im Landesarchiv, nichts bekannt auch beim Magistrat in Ost-Berlin. Doch eine vergilbte DDR-Zeitung, die Tägliche Rundschau, gibt Auskunft: Anläßlich des 80. Geburtstages von Karl Liebknecht sei am 13. August 1951 auf dem Potsdamer Platz feierlich der Grundstein für ein Liebknechtdenkmal enthüllt worden. Der Sandsteinquader ist sogar abgebildet. Der DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl habe von einem "ewigen Denkmal" an dieser Stelle gesprochen, wo einmal "das Herz der Hauptstadt eines einigen, demokratischen und friedliebenden Deutschland schlagen wird".

1951 war der Potsdamer Platz die einzige Stelle Berlins, wo drei Sektoren zusammenstießen: Russen, Amerikaner, Briten. Vor der Kulisse ausgebrannter Ruinen blühte der Schwarzmarkt. Die Sektorenübergänge wurden damals nur oberflächlich kontrolliert. An dieser Nahtstelle zwischen den Sektoren mitten in Berlin und mitten in Deutschland sollte das Denkmal an ein wiedervereinigtes Deutschland erinnern unter Liebknechts Parole: "Nieder mit dem Krieg."

Doch es kam anders. Genau zehn Jahre später, am 90. Geburtstag Karl Liebknechts, dem 13. August 1961, wird die Mauer quer über den Platz gebaut. Seitdem steht der "ewige Denkmalssockel" einsam und vergessen im wieder ans Tageslicht getretenen märkischen Sand. Michael Ellsäßer